Auf einen Blick
- RegionProvinz in Wallonien, Hauptstadt Mons
- SpracheFranzösisch, Ortsnamen auf Schildern nur französisch
- UNESCOKathedrale und Belfried von Tournai, Bergbaustätten, Schiffshebewerke
- Immaterielles ErbeKarneval von Binche, Riesenumzüge in Ath und Mons
- Empfohlene Dauer3 bis 4 Tage
- Beste ReisezeitMai bis September, Karneval nach dem Osterkalender
Warum der Hennegau?
Weil hier zwei Dinge zusammenkommen, die man selten in einer Provinz findet: sehr alte Baukunst und sehr junge Industriegeschichte. In Tournai steht eine romanisch begonnene Kathedrale mit fünf Türmen, daneben der älteste Belfried Belgiens. Fünfzig Kilometer weiter östlich zeigt eine Zeche in Charleroi, wie diese Region im 20. Jahrhundert wirklich gelebt hat.
Dazu kommen Feste, die zum immateriellen Welterbe der UNESCO zählen und für die ganze Städte auf den Kopf gestellt werden. Der Hennegau ist keine Provinz zum Abhaken, sondern eine zum Verstehen. Rechne mit 3 bis 4 Tagen und einem Mietwagen, denn zwischen den Höhepunkten liegen Dörfer ohne Bahnanschluss.
Tournai: Kathedrale, Belfried und Schelde
Tournai, auf Niederländisch Doornik, ist eine der ältesten Städte Belgiens und war einmal fränkische Königsstadt. Die Kathedrale Notre-Dame verbindet ein romanisches Schiff mit einem hochgotischen Chor und hat fünf Türme über der Vierung, ein Bild, das es so kein zweites Mal gibt. Sie steht seit dem Jahr 2000 auf der Welterbeliste und wird seit Jahren restauriert, ein Teil ist deshalb fast immer eingerüstet.
Gegenüber steht der Belfried, der älteste des Landes, ebenfalls Welterbe. Über die Schelde führt der Pont des Trous, ein mittelalterliches Wehrtor über dem Fluss. Für die Stadt reicht ein Tag, sie liegt günstig zwischen Lille in Frankreich und Gent.
Mons: Belfried, Doudou und Feuersteinminen
Mons, auf Niederländisch Bergen, ist Provinzhauptstadt und hat den einzigen barocken Belfried Belgiens, der ebenfalls zum Welterbe zählt. Auf dem Grand-Place sitzt an der Wand des Rathauses ein kleiner eiserner Affe, dem seit Generationen jeder über den Kopf streicht. Die Stiftskirche Sainte-Waudru darüber ist ein Hallenbau, dessen geplanter Turm nie gebaut wurde.
Zwei Dinge machen Mons besonders. Erstens die Ducasse, im Volksmund Doudou: Ein Reliquienwagen wird den Berg hinaufgezogen, danach kämpft auf dem Marktplatz Sankt Georg gegen einen Drachen, umringt von Tausenden. Der Termin hängt am Osterdatum. Zweitens die Feuersteinminen von Spiennes am Stadtrand, in denen vor Jahrtausenden Feuerstein abgebaut wurde. Sie zählen zu den größten bekannten Anlagen dieser Art in Europa und stehen auf der Welterbeliste.
Gut zu wissen: Vincent van Gogh lebte um 1880 als Laienprediger im Kohlerevier südwestlich von Mons und begann dort zu zeichnen. Sein Wohnhaus in Cuesmes ist heute ein kleines Museum und erklärt mehr über die Region als jeder Aussichtspunkt.
Binche und der Karneval mit den Gilles
Binche ist ein Städtchen mit der besterhaltenen mittelalterlichen Stadtmauer Belgiens, und drei Tage im Jahr ist es der bekannteste Ort des Landes. Beim Karneval treten die Gilles auf, Männer in gepolsterten Kostümen mit Wachsmasken und grünen Brillen, die am Vormittag des Faschingsdienstags auftreten und nachmittags mit riesigen Federhüten über den Marktplatz ziehen. Sie werfen Orangen ins Publikum, und zwar mit Nachdruck.
Der Karneval von Binche gehört zum immateriellen Welterbe der UNESCO. Feste Kalendertage gibt es nicht, der Termin hängt am Osterdatum und liegt meist im Februar oder Anfang März. Wer nicht zur Karnevalszeit kommt, geht ins Museum für Karneval und Maske, das die Bräuche der ganzen Region zeigt. Wie diese Feste zusammenhängen, erklärt die Seite zum Karneval in Belgien.
Charleroi und das Industrieerbe
Charleroi hat den härtesten Ruf aller belgischen Städte, und die Stadt geht inzwischen offensiv damit um. Am Rand liegt der Bois du Cazier, eine Zeche, in der 1956 bei einem Grubenbrand 262 Bergleute aus mehreren Ländern starben. Heute ist das Gelände Gedenkstätte und Museum und gehört als eine der großen Bergbaustätten Walloniens zum Welterbe. In Mont-sur-Marchienne steht dazu eines der größten Fotografiemuseen Europas.
Nordöstlich davon liegt das zweite Kapitel: Am Canal du Centre stehen vier historische Schiffshebewerke aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die mit Wasserdruck arbeiten und seit 1998 Welterbe sind. Wenige Kilometer weiter hebt das moderne Hebewerk von Strépy-Thieu ganze Schiffe über 70 Meter am Stück. Dazu kommen die Zechensiedlung Grand-Hornu mit klassizistischer Architektur und Bois-du-Luc, beide ebenfalls Welterbe.
Chimay, die Botte du Hainaut und die Schlösser
Ganz im Süden zieht sich ein Zipfel der Provinz nach Frankreich hinein, die Botte du Hainaut. Dort wird es waldig und dünn besiedelt. In Chimay brauen Mönche in einer Abtei am Ortsrand Trappistenbier: So darf es nur heißen, wenn im Kloster unter Aufsicht der Gemeinschaft gebraut wird. Abteibier trägt dagegen nur den Namen eines Klosters. Dazu gibt es Käse aus derselben Abtei und im Ort ein Schloss der Fürsten von Chimay.
Weiter nördlich liegen zwei Ziele, die den Kontrast dazu bilden. Beloeil ist ein Wasserschloss mit großem Landschaftspark, das seinen Besitzern seit Jahrhunderten gehört. Ath feiert im Spätsommer seine Ducasse, bei der meterhohe Riesenfiguren durch die Stadt getragen werden, darunter ein Goliath, der auf dem Marktplatz heiratet. Auch diese Umzüge zählen zum immateriellen Welterbe.
Essen und Trinken im Süden
Im Hennegau isst du französischer als in Flandern und zahlst weniger als in Brüssel. Auf den Karten steht Rindfleisch, das stundenlang in dunklem Bier geschmort wird, im Herbst Wild aus den Wäldern des Südens und Käse aus der Abtei bei Chimay. In jedem Ort steht eine Friture, mittags mit Schlange davor, und die Fritten kommen doppelt frittiert in der Tüte mit einer Soße deiner Wahl. Das ist hier Alltagskultur und kein schneller Imbiss.
Getrunken wird Bier aus der Region, dazu in den Cafés viel Kaffee. Tournai und Mons haben Studierende und damit Kneipen, die spät offen bleiben. In den kleineren Orten schließt die Küche früh, und am Sonntagabend ist mancherorts gar nichts mehr auf. Wenn du spät ankommst, frag in der Unterkunft nach, wo an diesem Abend noch gekocht wird.
Sprache, Namen und Wege
Der Hennegau ist französischsprachig. Auf Wegweisern steht Mons, nicht Bergen, und Tournai, nicht Doornik. Umgekehrt liest du in Flandern nur die niederländische Form. Zwei Gemeinden an der Grenze zu Westflandern haben Erleichterungen für Niederländischsprachige, für Reisende ändert das nichts. Mit Englisch kommst du in den Städten meist durch, auf dem Land hilft ein paar Brocken Französisch.
Züge verbinden Tournai, Mons, Charleroi und Binche mit Brüssel, die Fahrt dauert je nach Ziel unter einer Stunde bis gut anderthalb. Für Spiennes, Grand-Hornu, die Hebewerke und die Botte du Hainaut brauchst du ein Auto oder viel Geduld mit dem Bus. Umweltzonen gibt es hier keine, Maut für Pkw in ganz Belgien nicht. Der Flughafen bei Charleroi heißt zwar nach Brüssel, liegt aber gut fünfzig Kilometer entfernt in dieser Provinz.
Wann du kommen solltest
Mai bis September ist die angenehmste Zeit, dann sind die Parks offen, die Terrassen besetzt und die Wanderwege in der Botte trocken. Wer wegen der Feste kommt, richtet sich nach dem Kirchenkalender: Binche feiert vor der Fastenzeit, Mons an Pfingsten oder kurz danach, Ath im Spätsommer.
Das Wetter unterscheidet sich kaum vom Rest Belgiens: mild, wechselhaft, Regen in jedem Monat. Im Winter wirken die Industrieorte grau, gerade dann aber sind Museen und Gedenkstätten leer und die Führungen persönlich. Wie die Provinz in den Süden Belgiens passt, zeigt die Übersicht zu Wallonien.
Häufige Fragen
Wie viele Tage braucht man für den Hennegau?
Plane 3 bis 4 Tage. Ein Tag gehört Tournai mit Kathedrale und Belfried, ein Tag Mons mit Grand-Place und den Feuersteinminen von Spiennes, ein Tag dem Industrieerbe rund um Charleroi und den Schiffshebewerken. Bleibt Zeit, fährst du in den Süden nach Chimay. Ohne Auto wird es zäh, weil viele Ziele auf dem Land liegen.
Wann ist der Karneval von Binche?
Der Termin hängt am Osterdatum und fällt meist in den Februar oder Anfang März. Gefeiert wird an den drei Tagen vor Aschermittwoch, der Höhepunkt ist der Faschingsdienstag mit den Gilles, ihren Wachsmasken und den Federhüten am Nachmittag. Das Fest gehört zum immateriellen Welterbe der UNESCO. Buche Unterkunft früh, die Stadt ist klein.
Lohnt sich Charleroi als Reiseziel?
Wenn dich Industriegeschichte interessiert, sehr. Der Bois du Cazier erinnert an das Grubenunglück von 1956 und gehört zum Welterbe, das Fotografiemuseum ist eines der größten Europas. Wer klassische Altstadtbilder sucht, ist hier falsch. Die Stadt ist rau, ehrlich und deutlich günstiger als Brügge oder Brüssel.
Was ist der Unterschied zwischen Trappistenbier und Abteibier?
Trappistenbier darf nur so heißen, wenn es innerhalb der Klostermauern unter Aufsicht der Mönche gebraut wird und die Erlöse dem Kloster und gemeinnützigen Zwecken dienen. Abteibier trägt lediglich den Namen eines Klosters und wird meist von gewöhnlichen Brauereien hergestellt. In Chimay steht eine der belgischen Trappistenbrauereien.
Wie heißen Mons und Tournai auf Niederländisch?
Mons heißt Bergen, Tournai heißt Doornik, Ath heißt Aat. Weil der Hennegau französischsprachig ist, stehen auf Wegweisern und Bahnhofsanzeigen nur die französischen Formen. Wer aus Flandern anreist, sieht auf den dortigen Schildern zuerst die niederländischen Namen. Gib im Navi immer die Schreibweise des Zielorts ein.
Kommt man im Hennegau ohne Auto zurecht?
In den Städten ja, auf dem Land kaum. Tournai, Mons, Binche und Charleroi liegen am Bahnnetz und sind von Brüssel aus gut erreichbar. Die Feuersteinminen, Grand-Hornu, die Schiffshebewerke und die Wälder im Süden liegen dagegen verstreut, und Busse fahren dort selten. Für diese Ziele lohnt ein Mietwagen für ein bis zwei Tage.






