Stadt in Belgien · Hennegau

Charleroi: Industrie & Fotografie

Charleroi ist die größte Stadt Walloniens und die unbequemste. Hier wurde Kohle gefördert und Stahl gekocht, und als beides wegbrach, blieb eine Stadt zurück, die lange als Symbol für den Niedergang herhalten musste. Wer trotzdem kommt, findet eines der größten Fotomuseen Europas, eine Grubenanlage auf der Welterbeliste und ein Zentrum, das sich seit Jahren umbaut.

Für einen klassischen Städtetrip mit Giebelhäusern fährst du woanders hin. Für Industriegeschichte, Fotografie und einen ungeschönten Blick auf Belgien ist Charleroi einer der stärksten Tage in der Wallonie.

Charleroi: Industrie & Fotografie
Foto: Trougnouf (Benoit Brummer), CC BY 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • RegionHennegau, an der Sambre
  • Gegründet1666 als Festung, benannt nach König Karl II.
  • UNESCOBois du Cazier, eine der vier wallonischen Zechen
  • Empfohlene Dauer1 Tag für Fotomuseum und Bois du Cazier
  • AnreiseZug aus Brüssel in knapp einer Stunde
  • Beste ReisezeitApril bis Oktober

Das schwarze Land, ehrlich betrachtet

Charleroi entstand 1666 als Festung und wurde im 19. Jahrhundert zum Zentrum des Pays Noir, des schwarzen Landes: Kohle, Glas, Stahl, Zehntausende Arbeiter, davon viele aus Italien, Polen und Marokko. Was davon blieb, sind Terrils, künstliche Berge aus Abraum, die heute grün bewachsen über den Vororten stehen und auf denen Wege nach oben führen.

Als die Zechen schlossen und die Hochöfen ausgingen, verlor die Region ihre Grundlage. Die Arbeitslosigkeit gehört bis heute zu den höchsten des Landes, ganze Straßenzüge stehen leer, und 2008 kürte eine niederländische Zeitung Charleroi zur hässlichsten Stadt der Welt. Die Stadt hat aus dem Spott irgendwann eine Haltung gemacht: Es gibt geführte Touren, die genau diese Seite zeigen, statt sie zu verstecken.

Nimm dieses Bild aber nicht als ganze Wahrheit. Rund um den Bahnhof und die Sambre ist in den letzten Jahren viel passiert, es gibt neue Plätze, sanierte Hallen und eine junge Kulturszene, die mit dem Erbe arbeitet statt darüber zu klagen.

Bois du Cazier: die Katastrophe von 1956

Am 8. August 1956 brach in der Zeche Bois du Cazier in Marcinelle ein Feuer aus. 262 Bergleute starben, mehr als die Hälfte von ihnen waren Italiener, die über ein Abkommen zwischen Rom und Brüssel ins Revier gekommen waren. Das Unglück veränderte in Europa die Sicht auf Arbeitsmigration und Grubensicherheit.

Heute ist die Anlage Gedenkort und Museum. Du siehst die beiden Fördertürme, die Werkstätten, die Namen der Toten auf Tafeln, dazu Ausstellungen zur Industrie und zum Glas, für das die Region ebenso stand wie für Kohle. Hinter dem Gelände führen Wege auf die Terrils, von oben überblickst du das ganze Tal. Zusammen mit drei weiteren Zechen, darunter Grand-Hornu bei Mons, gehört Bois du Cazier zum UNESCO-Welterbe. Plane 2 bis 3 Stunden ein und komm mit festen Schuhen.

Gut zu wissen: Der Ort ist ein Friedhof im Wortsinn, viele Opfer wurden nie geborgen. Italienische Familien kommen bis heute zum Gedenken hierher. Geh entsprechend leise durch das Gelände. Welche belgischen Stätten sonst auf der Liste stehen, findest du unter UNESCO-Welterbe in Belgien.

Das Musée de la Photographie

In Mont-sur-Marchienne, wenige Kilometer vom Zentrum, sitzt das größte Fotomuseum Europas in einem neugotischen Klosterbau mit modernem Anbau aus Glas und Stahl. Die Sammlung umfasst mehr als hunderttausend Abzüge, gezeigt wird eine Auswahl in wechselnden Ausstellungen, dazu eine ständige Abteilung zur Technik: Kameras, Dunkelkammern, frühe Verfahren.

Das Haus ist der Hauptgrund, warum Fotografen aus ganz Europa nach Charleroi fahren. Rechne mit 2 Stunden, mit Interesse an Technik auch mit dreien. Mit dem Bus aus dem Zentrum bist du in einer Viertelstunde da, mit dem Auto noch schneller.

Stadt im Umbau

Im Zentrum steht in einer alten Glas- und Stahlhalle ein Museum für zeitgenössische Kunst, dazu kommen Ausstellungshäuser und Konzertorte in umgebauten Industriegebäuden. Der Rathausturm trägt einen Belfried, der wie die anderen belgischen Belfriede zum Welterbe gehört, auch wenn er aus den 1930er-Jahren stammt und wenig mittelalterlich aussieht.

Kurios ist die Métro. Die Stadtbahn fährt teils unterirdisch, teils auf Hochtrassen quer durch die Vororte, und ein ganzer Ast blieb jahrzehntelang unfertig und unbenutzt. Wer Verkehrsbauten mag, fährt eine Runde und schaut aus dem Fenster: Man sieht Brachen, Wohnblocks, Kanäle und Reste der Industrie in schneller Folge.

Praktisch: Anreise, Flughafen und Wetter

Mit dem Zug bist du aus Brüssel in knapp einer Stunde da, aus Namur in gut einer halben. Der Flughafen der Stadt wird von Billigfluglinien als Brüssel-Süd vermarktet, liegt aber in Gosselies vor den Toren von Charleroi und rund fünfzig Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Wer dort landet und weiter nach Brüssel will, sollte den Shuttlebus einplanen. Mehr dazu unter Anreise nach Belgien.

Mit dem Auto ist die Anfahrt einfach, eine Umweltzone gibt es in der Wallonie nicht. Das Klima ist mild: knapp 23 Grad im Juli und August, knapp sechs Grad im Januar, Regen an elf bis fünfzehn Tagen im Monat. Für Fotomuseum und Bois du Cazier zusammen brauchst du einen ganzen Tag.

Beim Essen erwartet dich keine Feinschmeckerstadt, sondern ehrliche Küche: Fritten aus der Friture, in Bier geschmortes Fleisch, portugiesische und italienische Lokale als Erbe der Einwanderung ins Revier. Rund um den Bahnhof und die neuen Plätze an der Sambre haben in den letzten Jahren Cafés aufgemacht, in denen sich junge Leute treffen. Iss dort, wo Handwerker mittags Schlange stehen, dann machst du nichts falsch.

Rund um Charleroi

Nach Westen liegt Binche mit seiner Stadtmauer und dem Karneval der Gilles, nach Süden beginnt die Botte du Hainaut mit den Wäldern um Chimay und den großen Stauseen der Eau d’Heure. Weitere Ziele der Provinz stehen auf der Seite zum Hennegau.

Klima und Anreise auf einen Blick

Gerade in Charleroi21°Cbedeckt
  • Wärmster MonatAugust, 23 °C
  • Kühlster MonatJanuar, 1 °C
  • Trockenster MonatApril
  • Höhe136 m

Temperatur Tag und Nacht, in Grad Celsius

6°1°J
8°2°F
11°3°M
14°5°A
18°9°M
22°13°J
23°14°J
23°15°A
20°12°S
15°9°O
10°5°N
7°3°D

Regen Millimeter und Regentage pro Monat

82mm15 TageJ
73mm13 TageF
78mm14 TageM
48mm11 TageA
69mm13 TageM
74mm12 TageJ
71mm11 TageJ
61mm13 TageA
68mm11 TageS
75mm13 TageO
69mm13 TageN
84mm14 TageD

Entfernung ab deutschen Flughäfen

AbEntfernungFlugzeit ca.
Düsseldorf (DUS)190 km0 Std. 50 Min.
Köln/Bonn (CGN)197 km0 Std. 50 Min.
Frankfurt (FRA)296 km0 Std. 55 Min.
Stuttgart (STR)394 km1 Std. 5 Min.
Hamburg (HAM)521 km1 Std. 15 Min.
München (MUC)578 km1 Std. 20 Min.
Berlin (BER)665 km1 Std. 25 Min.

Monatswerte sind Durchschnitte der Jahre 2015 bis 2024, berechnet aus der ERA5-Reanalyse von Copernicus, bereitgestellt über Open-Meteo (CC BY 4.0). Die aktuelle Temperatur liefert das Meteorologische Institut Norwegen (CC BY 4.0). Die Flugzeit ist aus der Luftlinie geschätzt und setzt einen Direktflug voraus, nicht von jedem Flughafen gibt es eine direkte Verbindung.

Häufige Fragen

Lohnt sich Charleroi als Reiseziel?

Für Industriegeschichte und Fotografie ja, für einen klassischen Bummel durch eine Altstadt nein. Das Fotomuseum in Mont-sur-Marchienne und die Zeche Bois du Cazier sind beide erstklassig und füllen zusammen einen Tag. Wer Giebelhäuser und Grachten sucht, ist in Brügge, Gent oder Mons deutlich besser aufgehoben.

Was ist im Bois du Cazier passiert?

Am 8. August 1956 brach in der Zeche in Marcinelle ein Feuer aus. 262 Bergleute kamen ums Leben, mehr als die Hälfte davon italienische Arbeitsmigranten. Das Unglück gilt als Wendepunkt für Grubensicherheit und Arbeitsmigration in Europa. Die Anlage ist heute Gedenkstätte und Museum und gehört zum UNESCO-Welterbe.

Ist der Flughafen Brüssel-Süd in Brüssel?

Nein. Er liegt in Gosselies bei Charleroi, rund fünfzig Kilometer von Brüssel entfernt, und wird von Billigfluglinien trotzdem als Brüssel-Süd verkauft. In die Hauptstadt kommst du mit einem Shuttlebus oder per Bus zum Bahnhof Charleroi und weiter mit dem Zug. Plane die Fahrzeit und die Kosten von Anfang an mit ein.

Ist Charleroi sicher für Besucher?

Tagsüber ja, mit der üblichen Aufmerksamkeit für Taschen an Bahnhof und in der Métro. Die Stadt hat soziale Probleme und leerstehende Viertel, aber die Wege zwischen Bahnhof, Zentrum, Fotomuseum und Bois du Cazier sind unproblematisch. Nachts meidest du wie überall die unbelebten Ecken rund um den Bahnhof.

Wie viel Zeit braucht man in Charleroi?

Einen Tag. Am Vormittag das Fotomuseum, am Nachmittag Bois du Cazier mit dem Weg auf den Terril, dazwischen eine Fahrt mit der Métro durch die Stadt. Wer zwei Tage bleibt, kann Binche oder Mons ergänzen, beide sind in gut einer halben Stunde erreichbar.