Stadt in Belgien · Hennegau

Tournai: Kathedrale & Belfried

Tournai liegt am westlichen Rand des Hennegaus, direkt an der Schelde und keine dreißig Kilometer von Lille entfernt. Die Stadt hat zwei Bauwerke auf der UNESCO-Welterbeliste, und zwischen beiden liegen keine drei Minuten zu Fuß: eine Kathedrale mit fünf Türmen und der älteste Belfried Belgiens.

Auf Niederländisch heißt der Ort Doornik, und genau so steht er auf den Schildern, sobald du aus Flandern kommst. Für die Altstadt reicht ein halber Tag, mit zwei Museen wird ein ganzer daraus.

Tournai: Kathedrale & Belfried
Foto: Pierre Doyen, CC BY-SA 2.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • RegionHennegau, an der Schelde
  • Lokaler NameTournai, niederländisch Doornik
  • UNESCOKathedrale Notre-Dame und Belfried
  • Empfohlene Dauer3 bis 4 Stunden, mit Museen ein Tag
  • AnreiseZug aus Brüssel und aus Lille
  • Beste ReisezeitMai bis September

Warum Tournai?

Weil hier ein Stück früheste europäische Geschichte im Boden liegt, ohne dass die Stadt viel Aufhebens darum macht. Tournai war römische Siedlung und danach Hauptort der salischen Franken. 1653 stieß ein Arbeiter auf das Grab von Childerich, dem Vater Chlodwigs, mit Goldschmuck und Waffen. Die Stadt ist damit älter als fast alles, was du in Belgien sonst besichtigst.

Der zweite Grund ist die Dichte. Kathedrale, Belfried, Grand-Place und Flussufer liegen in einem Rechteck, das du in einer Viertelstunde durchquerst. Der dritte: Tournai ist keine Kulissenstadt. Hier wird eingekauft, gearbeitet und in gewöhnlichen Cafés gesessen, und die Preise sind wallonisch und nicht touristisch.

Die Kathedrale mit den fünf Türmen

Von weitem wirkt Notre-Dame wie eine Festung: fünf gleich hohe Türme über der Vierung, davor ein romanisches Langhaus aus dem 12. Jahrhundert, dahinter ein gotischer Chor, der gut hundert Jahre später drangesetzt wurde. Dieser Bruch mitten im Gebäude ist der eigentliche Grund für den Welterbe-Status: In einem einzigen Bau siehst du, wie sich die Baukunst innerhalb weniger Generationen komplett gedreht hat.

Seit dem Sturm von 1999, der Teile des Dachs abriss, wird in Etappen restauriert. Rechne damit, dass ein Abschnitt eingerüstet und ein anderer gesperrt ist. Das ändert wenig: Der Innenraum ist auch als Baustelle mächtig. Im Kirchenschatz liegt ein vergoldeter Reliquienschrein aus dem frühen 13. Jahrhundert, gearbeitet von Nikolaus von Verdun, einem der besten Goldschmiede des Mittelalters.

Der älteste Belfried Belgiens

Der Turm auf dem Grand-Place wurde ab 1188 gebaut, in dem Jahr, in dem die Stadt ihre Freiheiten schriftlich zugesichert bekam. Genau das ist die Idee eines Belfrieds: kein Kirchturm, sondern der Turm der Bürgerschaft, mit den Urkunden im Inneren und einer Glocke, die zur Versammlung rief. Warum in Belgien so viele davon stehen, erklärt die Seite zu den Belfrieden in Belgien.

Du kannst hinaufsteigen, über eine enge Wendeltreppe mit mehreren Zwischenebenen, oben hängt das Glockenspiel. Der Blick lohnt sich vor allem wegen der Kathedrale: Erst von hier verstehst du, wie riesig dieser Bau im Verhältnis zur Stadt ist. Einen Aufzug gibt es nicht, und die letzten Meter sind steil.

Gut zu wissen: Auf flämischen Wegweisern steht Doornik, auf wallonischen Tournai, gemeint ist dieselbe Stadt. Das ist kein Versehen, sondern Regel: Schilder tragen den Ortsnamen nur in der Sprache der jeweiligen Region. Wie das System funktioniert, steht unter Sprachen in Belgien.

Grand-Place, Tuchhalle und die Schelde

Der Grand-Place ist dreieckig, was selten ist, und an seiner breiten Seite steht die Tuchhalle aus dem frühen 17. Jahrhundert. Rundherum Giebelhäuser, Terrassen und grobes Pflaster. Was du siehst, ist zu großen Teilen Wiederaufbau: Im Mai 1940 zerstörten Bomben weite Teile der Innenstadt, die beiden Türme blieben stehen, die Wohnviertel dazwischen nicht.

Ein paar Minuten weiter liegt die Schelde. Am Wasser steht der Pont des Trous, eine mittelalterliche Wehrbrücke mit zwei Türmen. Für die Verbreiterung des Flusses wurde der mittlere Bogen abgetragen und höher wieder aufgesetzt, was in der Stadt jahrelang für Streit sorgte. Von den Kais aus verstehst du, warum Tournai überhaupt hier liegt: Der Fluss war die Verbindung nach Gent und weiter zur Nordsee.

Museen: Horta, Wandteppiche und Porzellan

Das Museum der Schönen Künste ist auch dann einen Umweg wert, wenn dich die Sammlung kaltlässt. Es ist das einzige Museum, das Victor Horta gebaut hat: ein Grundriss wie ein Stern, von einer zentralen Halle gehen die Säle strahlenförmig ab, das Licht fällt von oben ein. Wie Horta sonst arbeitete, steht unter Jugendstil in Belgien.

Zwei weitere Häuser erzählen, womit die Stadt reich wurde. Tournai webte im 15. Jahrhundert Wandteppiche, die in halb Europa hingen, und stellte im 18. Jahrhundert Porzellan her. Dazu kommt ein Naturkundemuseum aus dem 19. Jahrhundert, das seine alten Schaukästen behalten hat und deshalb selbst ein Ausstellungsstück ist. Für alle drei zusammen brauchst du 2 bis 3 Stunden.

Essen, Trinken und der Alltag

Die Küche ist französisch geprägt, Lille liegt näher als Brüssel. Rund um den Grand-Place und in den Gassen dahinter sitzt man draußen, sobald das Wetter es zulässt, und die Karten sind kürzer und klassischer als in Flandern. Fritten holst du in der Friture, und die ist hier kein Imbiss für zwischendurch, sondern Alltag mit Stammkundschaft.

Beim Bier bist du im Hennegau in einer Gegend mit vielen kleinen Brauereien. Frag im Café, was aus der Umgebung kommt, statt die bekannten Namen zu bestellen. Was Trappist von Abteibier unterscheidet und warum das kein Etikettenstreit ist, steht unter Bier in Belgien.

Praktisch: Anreise, Zeit und Wetter

Mit dem Zug bist du aus Brüssel in gut einer Stunde da, aus Lille in rund einer halben, und auch aus Kortrijk über die Sprachgrenze gibt es eine Verbindung. Vom Bahnhof läufst du in gut zehn Minuten zur Kathedrale. Mit dem Auto ist Tournai unkompliziert, denn in der Wallonie gibt es keine Umweltzone. Führt deine Reise auch nach Brüssel, Antwerpen oder Gent, musst du dein ausländisches Kennzeichen dort vorher online registrieren, sonst kommt ein Bußgeld.

Das Klima ist mild und feucht. Im Juli und August liegen die Höchstwerte bei gut 23 Grad, im Januar bei knapp sieben, Regen fällt an zehn bis vierzehn Tagen im Monat, am wenigsten im April. Für die Altstadt reichen 3 bis 4 Stunden, mit zwei Museen wird ein ganzer Tag daraus.

Tipp: Geh am frühen Abend noch einmal auf den Grand-Place. Dann ziehen die Tagesgäste ab, die Fassaden bekommen Farbe, und zur vollen Stunde hörst du das Glockenspiel des Belfrieds über den ganzen Platz. Essen gehst du besser zwei Straßen weiter als direkt am Platz, das ist ehrlicher und billiger.

Rund um Tournai

Nach Osten erreichst du in einer knappen halben Stunde Ath mit seinen Riesen und kurz danach den Schlosspark von Belœil. Mons liegt gut vierzig Minuten entfernt und ergänzt Tournai gut: Dort regiert der Barock, hier die Romanik. Alle weiteren Ziele der Provinz stehen auf der Seite zum Hennegau.

Klima und Anreise auf einen Blick

Gerade in Tournai23°CRegen
  • Wärmster MonatAugust, 24 °C
  • Kühlster MonatJanuar, 2 °C
  • Trockenster MonatApril
  • Höhe24 m

Temperatur Tag und Nacht, in Grad Celsius

7°2°J
9°3°F
11°4°M
14°5°A
18°9°M
22°13°J
23°14°J
24°15°A
20°12°S
16°9°O
11°5°N
8°4°D

Regen Millimeter und Regentage pro Monat

78mm14 TageJ
65mm12 TageF
70mm13 TageM
46mm10 TageA
66mm12 TageM
64mm11 TageJ
57mm10 TageJ
64mm11 TageA
64mm11 TageS
71mm12 TageO
72mm14 TageN
76mm13 TageD

Entfernung ab deutschen Flughäfen

AbEntfernungFlugzeit ca.
Düsseldorf (DUS)248 km0 Std. 55 Min.
Köln/Bonn (CGN)266 km0 Std. 55 Min.
Frankfurt (FRA)373 km1 Std. 5 Min.
Stuttgart (STR)471 km1 Std. 10 Min.
Hamburg (HAM)562 km1 Std. 15 Min.
München (MUC)656 km1 Std. 25 Min.
Berlin (BER)726 km1 Std. 30 Min.

Monatswerte sind Durchschnitte der Jahre 2015 bis 2024, berechnet aus der ERA5-Reanalyse von Copernicus, bereitgestellt über Open-Meteo (CC BY 4.0). Die aktuelle Temperatur liefert das Meteorologische Institut Norwegen (CC BY 4.0). Die Flugzeit ist aus der Luftlinie geschätzt und setzt einen Direktflug voraus, nicht von jedem Flughafen gibt es eine direkte Verbindung.

Häufige Fragen

Lohnt sich ein Tagesausflug nach Tournai?

Ja, vor allem wenn du dich für Baugeschichte interessierst. Kathedrale, Belfried, Grand-Place und die Schelde liegen dicht beieinander und füllen 3 bis 4 Stunden. Mit dem Museum der Schönen Künste von Victor Horta und der Wandteppichsammlung wird ein ganzer Tag daraus. Als alleiniges Reiseziel für mehrere Tage ist die Stadt zu klein.

Warum ist die Kathedrale von Tournai UNESCO-Welterbe?

Weil sie zwei Epochen in einem Bau zeigt. Das Langhaus ist romanisch aus dem 12. Jahrhundert, der Chor gotisch aus dem 13. Jahrhundert, und die fünf Türme über der Vierung gibt es in dieser Form kein zweites Mal. Sie steht seit 2000 auf der Liste. Der Belfried nebenan ist getrennt davon als Teil der Belfriede in Belgien und Frankreich geschützt.

Kann man den Belfried von Tournai besteigen?

Ja, über eine enge Wendeltreppe mit mehreren Zwischenebenen, einen Aufzug gibt es nicht. Oben hängt das Glockenspiel, und der Blick geht direkt auf die fünf Türme der Kathedrale. Wer schlecht zu Fuß ist oder unter Platzangst leidet, lässt es besser. Vor dem Besuch lohnt ein Blick auf die offizielle Website der Stadt, weil der Turm bei Wartung geschlossen bleibt.

Wie kommt man von Brüssel nach Tournai?

Mit dem Zug in gut einer Stunde, meist ohne Umsteigen. Aus Lille dauert es etwa eine halbe Stunde, und es gibt auch eine Verbindung aus Kortrijk über die Sprachgrenze. Mit dem Auto führt die Autobahn von Brüssel Richtung Lille an der Stadt vorbei. Eine Umweltzone gibt es in Tournai nicht, anders als in Brüssel, Antwerpen und Gent.

Heißt Tournai auch Doornik?

Ja. Tournai ist der französische Name und der amtliche vor Ort, Doornik der niederländische. Weil belgische Wegweiser den Ortsnamen nur in der Sprache der jeweiligen Region tragen, siehst du auf der Fahrt aus Flandern zuerst Doornik und ab der Sprachgrenze plötzlich Tournai. Wer das nicht weiß, sucht auf dem Schild vergeblich.