Reise-Inspiration

Karneval in Belgien: Binche, Aalst & Malmedy

Belgien feiert Karneval in einer eigenen Liga: mit Männern in Straußenfedern, die Orangen werfen, mit Masken, die dich am Bein festhalten, und mit weißen Gestalten, die Konfetti über den halben Ort verteilen. Zwei dieser Feste gehören zum wichtigsten Brauchtum des Landes, eines steht wegen antisemitischer Wagen nicht mehr auf der UNESCO-Liste.

Hier steht, was in Binche, Aalst, Malmedy und Stavelot wirklich passiert, welche Regeln für Gäste gelten, wie du den Termin richtig berechnest und warum du besser nicht in der Karnevalsstadt selbst übernachtest.

Karneval in Belgien: Binche, Aalst & Malmedy
Foto: James Poulson, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • Terminhängt am Osterdatum, meist Februar oder Anfang März
  • UNESCOder Karneval von Binche seit 2003 immaterielles Kulturerbe
  • HochburgenBinche, Aalst, Malmedy, Stavelot, Eupen
  • SprachenFranzösisch und Wallonisch im Süden, Niederländisch in Aalst, Deutsch in Eupen
  • Anreiseam besten mit dem Zug, Innenstädte sind gesperrt
  • Dauerein Tag in Binche, drei bis vier Tage in Aalst und Malmedy

Warum belgischer Karneval eine eigene Liga ist

Wer Karneval aus Köln oder Mainz kennt, erwartet Umzüge, Kamelle und Sitzungen. In Belgien findest du das auch, aber die berühmten Feste funktionieren anders. Sie sind keine Veranstaltung für Zuschauer, sondern ein Ritual der jeweiligen Stadt. Die Figuren sind seit Generationen festgelegt, die Kostüme werden vererbt, und wer mitläuft, gehört dazu und hat sich nicht einfach verkleidet.

Das merkst du sofort an der Stimmung. In Binche trommeln sie ab vier Uhr morgens durch dunkle Straßen, in Malmedy fängt dich eine Maske mit einem Holzarm am Bein, in Stavelot ziehen weiße Gestalten mit langen roten Nasen durch den Ort. Nichts davon ist für die Kamera gemacht. Genau deshalb lohnt es sich.

Und es gibt eine zweite Ebene. Der belgische Karneval ist auch Streit: über Traditionen, über Grenzen des Spotts und über die Frage, was man mit einem Fest macht, das entgleist. Am Beispiel von Aalst kannst du das nicht umgehen, also steht es hier auch drin.

Der Termin: keine festen Kalendertage

Es gibt kein Datum, das du dir merken kannst. Karneval hängt am Osterdatum, und Ostern wandert. Aschermittwoch liegt 46 Tage vor dem Ostersonntag, die großen Karnevalstage sind der Sonntag, Montag und Dienstag davor. Das bedeutet meistens Februar, manchmal Anfang März.

Für zwei Feste gilt eine andere Rechnung. Der Laetare fällt auf den vierten Sonntag der Fastenzeit, liegt also gut drei Wochen nach dem Faschingsdienstag und damit oft schon im Frühling. So feiert Stavelot, und auch die Trommelsonntage vorher, in Binche Soumonces genannt, folgen dieser Logik: Sie liegen Wochen vor dem eigentlichen Fest und sind für Einheimische fast so wichtig.

Achtung: Verlass dich nie auf ein Datum aus dem Vorjahr. Prüf vor der Buchung den aktuellen Osterkalender oder die Ankündigung der jeweiligen Stadt. Wer die Reise falsch legt, steht in einer sehr ruhigen Kleinstadt und wundert sich, wo alle sind.

Binche: die Gilles und die Orangen

Binche im Hennegau hat das bekannteste Karnevalsfest des Landes, und es gehörte 2003 zu den allerersten Traditionen, die die UNESCO als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet hat. Der Höhepunkt dauert genau einen Tag: den Faschingsdienstag.

Der beginnt im Dunkeln. Ab etwa vier Uhr morgens werden die Gilles einzeln zu Hause abgeholt, begleitet von Trommeln, und der Zug wird von Haus zu Haus länger. Am Vormittag tragen sie eine Wachsmaske mit grüner Brille und Schnurrbart, dazu den mit Stroh ausgestopften Anzug, einen Gürtel mit schweren Glocken und Holzschuhe. Der Schritt ist ein gleichmäßiges Schlurfen im Takt, stundenlang. Am Nachmittag wird die Maske gegen den hohen Hut mit weißen Straußenfedern getauscht, und dann fliegen die Orangen.

Gut zu wissen: Gille wird man nicht als Gast. Es sind Männer aus Binche, viele seit ihrer Kindheit, und die Rolle bleibt in der Stadt. Die Orangen sind ein Geschenk, kein Spielzeug: Sie werden nicht zurückgeworfen, das gilt als Beleidigung. Sie treffen hart und hinterlassen Flecken, die nicht mehr herausgehen. Zieh also nichts Gutes an und stell dich mit kleinen Kindern nicht in die erste Reihe.

Aalst: laut, derb und mit einem Problem

Aalst, auf Französisch Alost, feiert drei Tage lang das genaue Gegenteil von Feierlichkeit. Gruppen aus den Vierteln bauen das ganze Jahr an ihren Wagen, dichten Lieder um und nehmen die lokale Politik auseinander. Am Sonntag zieht der große Umzug durch die Stadt, der Prinz bekommt den Stadtschlüssel, vom Belfried werden Zwiebeln in die Menge geworfen. Am Dienstag laufen die Voil Jeanetten: Männer in Frauenkleidern, mit Pelz, Lampenschirm als Hut und Kinderwagen.

Und dann ist da die andere Hälfte. Der Karneval von Aalst stand auf der UNESCO-Liste. 2019 zeigte ein Wagen Karikaturen orthodoxer Juden mit Hakennasen und Geldsäcken, die Kritik kam von jüdischen Verbänden, aus der EU-Kommission und aus vielen Redaktionen. Die Stadt zog ihren Eintrag zurück, im Dezember 2019 wurde das Fest von der Liste gestrichen. Im Jahr darauf tauchten erneut antisemitische Motive auf.

In Aalst wird das meist damit verteidigt, hier werde jeder verspottet und nichts sei ernst gemeint. Diese Erklärung überzeugt außerhalb der Stadt kaum jemanden, und sie erklärt nicht, warum ausgerechnet diese Bilder wiederkehren. Wer hinfährt, sollte das wissen, statt es beiläufig mitzubekommen.

Malmedy: der Cwarmê

Malmedy liegt in den Ostkantonen, ist französischsprachig und feiert vier Tage lang, von Samstag bis Dienstag vor Aschermittwoch. Der Cwarmê hat die strengsten Regeln von allen: Die Figuren, hier Rôles genannt, sind seit Generationen festgelegt, die Masken traditionell aus Wachs, die Kostüme werden weitergegeben.

Die bekannteste Figur ist die Haguète mit ihrem hölzernen Greifarm, dem hape-tchâr. Wer damit am Bein erwischt wird, muss knien und um Verzeihung bitten, bevor er wieder freikommt. Dazu kommen der Long-Né mit der überlangen Nase, der Sâvadje als Waldmensch und rund zwanzig weitere Rollen. Gesprochen und gesungen wird viel Wallonisch, und du verstehst kein Wort. Macht nichts, das gehört dazu.

Stavelot: die Blancs Moussis

In Stavelot im Amblèvetal ziehen am Laetare-Sonntag die Blancs Moussis durch den Ort: Gestalten in weiten weißen Kutten mit Kapuze und einer langen roten Nase, die kein Gesicht erkennen lässt. Sie werfen Konfetti, necken das Publikum mit Schweinsblasen an Stöcken und klettern dorthin, wo sie nicht sollen.

Die Erklärung für das weiße Gewand ist alt: Die Mönche der Abtei durften Ende des 15. Jahrhunderts nicht mehr am Fest teilnehmen, worauf die Bürger sich selbst in weiße Kutten hüllten. Der Umzug ist kleiner als der in Binche und dadurch angenehmer: Du stehst nah dran, es ist ausgelassen, und niemand drängelt.

Wo es sonst noch losgeht

In Eupen feiern sie rheinisch, mit Prinz, Rosenmontagszug und Karnevalsliedern auf Deutsch, was für Gäste aus Aachen und Köln vertraut klingt. In Ostende gibt es einen berühmten Maskenball, der zur Stadtgeschichte gehört. Und in vielen kleinen Orten der Wallonie ziehen eigene Gilles-Gruppen durch die Straßen, weniger bekannt, aber nach denselben Regeln.

Praktisch: hinkommen, übernachten, verhalten

Nimm den Zug. Die Karnevalsstädte sind klein, die Innenstädte sind gesperrt, und Parkplätze gibt es an diesen Tagen faktisch nicht. Binche liegt an einer Nebenstrecke im Hennegau, Aalst zwischen Gent und Brüssel, Malmedy und Stavelot erreichst du dagegen nur mit Bus oder Auto. Wie das Bahnsystem funktioniert, steht auf der Seite zu Belgien mit dem Zug.

Übernachte nicht am Ort des Geschehens. Zimmer in Binche, Aalst oder Malmedy sind zu diesen Terminen lange vorher weg und teuer. Nimm eine größere Stadt in der Nähe und fahr morgens hin, das ist entspannter und billiger.

Tipp: Zieh alte Kleidung an, feste Schuhe und keine Kapuze, in die von hinten Konfetti passt. Steh nicht mit einem Regenschirm im Gedränge. Und komm früh: Die stärksten Momente sind der Morgen, wenn die Trommeln durch die leeren Straßen ziehen, nicht der volle Nachmittag.

Und noch etwas zum Umgang: Fotografieren ist überall erlaubt, aber lauf nicht rückwärts in den Zug hinein und fass keine Kostüme an. Diese Feste sind für die Städte ernste Angelegenheiten, auch wenn alle lachen.

Häufige Fragen

Wann ist Karneval in Belgien?

Feste Kalendertage gibt es nicht. Der Termin hängt am Osterdatum: Aschermittwoch liegt 46 Tage vor dem Ostersonntag, gefeiert wird an den drei Tagen davor, meist im Februar, manchmal Anfang März. Der Laetare in Stavelot fällt auf den vierten Sonntag der Fastenzeit und liegt damit gut drei Wochen später.

Warum werfen die Gilles in Binche Orangen?

Die Orangen sind ein Geschenk an die Stadt und ein Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand. Wichtig ist die Etikette: Du darfst sie fangen und behalten, aber niemals zurückwerfen, das gilt als Beleidigung. Sie treffen hart und hinterlassen Flecken, die nicht mehr herausgehen. Alte Kleidung ist an diesem Tag die richtige Wahl.

Ist der Karneval von Aalst noch UNESCO-Erbe?

Nein. Nach antisemitischen Darstellungen auf einem Wagen im Jahr 2019 zog die Stadt ihren Eintrag zurück, im Dezember 2019 wurde das Fest von der Liste des immateriellen Kulturerbes gestrichen. Im Jahr darauf tauchten erneut solche Motive auf. Wer hinfährt, sollte diese Geschichte kennen und einordnen können.

Lohnt sich belgischer Karneval mit Kindern?

In Stavelot und Eupen ja, dort ist das Gedränge überschaubar und es fliegt vor allem Konfetti. In Binche solltest du mit kleinen Kindern nicht in die erste Reihe, weil geworfene Orangen wirklich wehtun. In Aalst wird es abends laut und alkoholreich, für Familien sind der Sonntagumzug am Nachmittag und ein früher Rückweg die bessere Wahl.

Wo übernachtet man zum Karneval in Belgien?

Nicht am Ort selbst. Zimmer in Binche, Aalst oder Malmedy sind zu diesen Terminen früh ausgebucht und teuer. Nimm eine größere Stadt in der Nähe, für Aalst also Gent oder Brüssel, für Binche den Raum Mons, für Malmedy und Stavelot die Umgebung von Spa, und fahr morgens mit Zug oder Auto hin.