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Jugendstil in Belgien: Horta und die Belle Époque

Der Jugendstil ist in Brüssel entstanden, nicht in Wien und nicht in Paris. 1893 baute Victor Horta in einer Seitenstraße nahe der Avenue Louise das Hôtel Tassel, und darin stand zum ersten Mal, was danach überall kopiert wurde: eine offene Treppenhalle statt enger Flure, sichtbares Eisen mitten im Wohnraum, Licht von oben durch ein Glasdach.

Vier Horta-Häuser stehen heute auf der UNESCO-Welterbeliste, betreten kannst du regulär nur eines davon. Der Rest dieser Architektur steht an ganz normalen Wohnstraßen, hinter Fassaden, an denen jeden Tag Leute mit Einkaufstüten vorbeigehen. Hier steht, wie du sie findest, was du wirklich zu sehen bekommst und warum Antwerpen dazugehört.

Jugendstil in Belgien: Horta und die Belle Époque
Foto: J. Miers - User: (WT-shared) Jtesla16 at wts wikivoyage, CC BY-SA 1.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • BewegungArt nouveau, in Belgien ab 1893
  • HauptortBrüssel, vor allem Saint-Gilles und Ixelles
  • UNESCOvier Stadthäuser von Victor Horta, seit 2000
  • Von innen zugänglichHorta-Museum, Comic-Zentrum, Musikinstrumentenmuseum
  • Empfohlene Dauerein halber bis ganzer Tag zu Fuß
  • Beste ZeitFrühjahr, wenn private Häuser für Führungen öffnen

Warum der Jugendstil in Brüssel anfing

Belgien war im 19. Jahrhundert eines der am frühesten industrialisierten Länder Europas. Es gab Kohle, Stahl, Eisenbahnen und ein Bürgertum, das Geld hatte und damit zeigen wollte, dass es nicht zum Adel gehörte. Genau diese Kunden brauchte eine neue Architektur: Ingenieure, Anwälte und Fabrikanten, die kein Schloss im Kleinformat wollten, sondern ein Haus, das nach ihnen selbst aussieht.

Dazu kam das Material. Eisen und Glas waren billig geworden, und was bis dahin in Bahnhöfen und Markthallen steckte, holte Victor Horta ins Wohnzimmer. Er ersetzte tragende Mauern durch schlanke Stützen, ordnete die Räume um eine offene Treppenhalle und ließ Tageslicht durch ein Glasdach bis nach unten fallen. 1893 wurde das Hôtel Tassel fertig, im selben Jahr baute Paul Hankar wenige Straßen weiter sein eigenes Wohnhaus. Zwei Häuser, ein Stadtviertel, ein Anfang.

Gut zu wissen: Der deutsche Begriff Jugendstil steht in Belgien auf keinem einzigen Schild. Auf Französisch heißt die Bewegung Art nouveau, auf Niederländisch ebenfalls art nouveau. Wenn du nach Hinweisen suchst oder eine Führung buchst, brauchst du diesen Begriff.

Victor Horta und die vier UNESCO-Häuser

Seit 2000 stehen vier Brüsseler Stadthäuser von Horta auf der Welterbeliste. Das Hôtel Tassel in einer ruhigen Seitenstraße nahe der Avenue Louise war der Anfang, das Hôtel Solvay an der Avenue Louise selbst ist das aufwendigste, das Hôtel van Eetvelde an der Avenue Palmerston das technisch kühnste mit seinem Achteck aus Glas und Stahl. Das vierte ist Hortas eigenes Wohnhaus mit Atelier in Saint-Gilles, heute Museum.

Das Geld dahinter ist Teil der Geschichte. Edmond van Eetvelde verwaltete den Kongo-Freistaat für König Leopold II., und ein Teil dessen, was in dieser Zeit in Brüssel gebaut wurde, ist mit Kolonialvermögen bezahlt worden. Wer die Häuser anschaut, schaut auch auf diesen Hintergrund.

Praktisch bedeutet Welterbe hier wenig: Drei der vier Häuser sind Privatbesitz. Tassel siehst du ausschließlich von der Straße, Solvay und van Eetvelde öffnen zeitweise für angemeldete Führungen in kleinen Gruppen. Regulär betreten kannst du nur das Horta-Museum, und dort ist Fotografieren nicht erlaubt.

Was du von außen siehst

Der größte Teil dieser Architektur steht an normalen Wohnstraßen, zwischen Bäckerei und Physiotherapie. Du erkennst sie an vier Dingen: an Fassaden, die nicht symmetrisch sind, an Erkern, die sich nach vorn wölben, an Balkongittern aus Schmiedeeisen, die wie Ranken aussehen, und an Sgraffito, den farbigen Kratzputzbildern unter dem Dachgesims. Sgraffito ist das Erkennungszeichen der Brüsseler Häuser aus dieser Zeit, oft in Ocker, Grün und Gold, oft mit Blumen, Pfauen oder Frauenfiguren.

Fast jedes dieser Häuser ist ein Porträt seines Bauherrn. Der Grundriss folgt dem Alltag der Familie, die Fassade dem Beruf, und weil jeder Architekt für jeden Kunden neu anfing, gleicht kein Haus dem anderen. Am Square Ambiorix steht die Maison Saint-Cyr von Gustave Strauven, gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts: keine vier Meter breit, dafür eine Fassade fast nur aus Eisen und Glas. Sie ist das meistfotografierte Haus der Stadt und trotzdem ein ganz normales Wohnhaus.

Tipp: Schau beim Gehen konsequent nach oben. Im Erdgeschoss haben viele Häuser Ladenfronten aus den 1970er-Jahren bekommen, ab dem ersten Stock ist die Fassade oft komplett erhalten. Wer nur auf Augenhöhe schaut, läuft an der halben Stadt vorbei.

Was du von innen sehen kannst

Innenräume sind die Ausnahme, deshalb lohnt es sich, sie gezielt anzusteuern. Vier Adressen funktionieren ohne Glück und ohne Beziehungen.

Ort Was du siehst Aufwand
Horta-Museum, Saint-Gilles Wohnhaus und Atelier, Treppenhalle mit Glasdach Zeitfenster online buchen
Comic-Zentrum Hortas Kaufhaus von 1906, Lichthalle und Eisentreppe Eingangsbereich frei zugänglich
Musikinstrumentenmuseum Kaufhaus Old England von 1899, Eisen und Glas Museumsticket, Dachterrasse oben
Künstlerhaus am Jubelpark Sgraffito-Fassade und Atelier eines Malerpaars nur an wenigen Tagen im Monat

Das Comic-Zentrum ist der einfachste Einstieg: Horta baute das Haus 1906 als Textilkaufhaus, und die Halle mit Glasdach und geschwungener Eisenkonstruktion siehst du schon, bevor du ein Ticket brauchst. Das Musikinstrumentenmuseum am Kunstberg sitzt im ehemaligen Kaufhaus Old England von 1899, einer schwarzen Eisenfassade mitten zwischen klassizistischen Bauten. Am Jubelpark steht ein Künstlerhaus, dessen ganze Front mit Sgraffito bedeckt ist, geöffnet nur an wenigen Tagen im Monat. In Saint-Gilles ist außerdem das Hôtel Hannon nach langer Restaurierung wieder zugänglich, ein Stadthaus von 1903 mit Wandmalereien und einem gebogenen Treppenhaus.

Tickets: Für das Horta-Museum buchst du online ein Zeitfenster, für die Führungen in den privaten Häusern brauchst du eine Anmeldung, oft Wochen im Voraus. Im Frühjahr läuft in Brüssel ein Festival, bei dem Privathäuser für angemeldete Besuche öffnen. Die Plätze sind schnell weg, und es ist die einzige Gelegenheit, Interieurs zu sehen, die sonst verschlossen bleiben.

Zur offiziellen Website

Die Route durch Saint-Gilles und Ixelles

Der dichteste Bestand liegt südlich des Zentrums, in zwei Gemeinden, die praktisch ineinander übergehen. Starte am Horta-Museum, geh von dort Richtung Avenue Brugmann, weiter zum Hôtel Hannon und über die Chaussée de Charleroi zum Platz um die Rue du Bailli. Dort stehen Cafés für die Pause, drumherum Häuserzeilen mit Sgraffito, Erkern und Türen mit Glasrosetten. Zum Schluss läufst du zum Hôtel Tassel und über die Avenue Louise zum Hôtel Solvay.

Für die Strecke brauchst du gut zwei Stunden reine Gehzeit, mit Museum und Kaffee wird ein halber Tag daraus. Trag bequeme Schuhe: Zwischen Unterstadt und Oberstadt liegen echte Steigungen, und Brüsseler Bürgersteige sind selten eben.

Gut zu wissen: Brüssel ist offiziell zweisprachig, deshalb steht jeder Straßenname doppelt auf dem Schild. Die Stadt selbst heißt Bruxelles und Brussel, Saint-Gilles heißt auch Sint-Gillis, Ixelles heißt Elsene, die Chaussée de Charleroi ist die Charleroisesteenweg. Sobald du die Stadtgrenze nach Norden überquerst, verschwindet das Französische vom Schild, denn dort beginnt Flandern.

Der Osten: Square Ambiorix und Jubelpark

Die zweite Gruppe liegt östlich, rund um den Square Ambiorix und die Avenue Palmerston, direkt neben dem Europaviertel. Hier stehen das Hôtel van Eetvelde und die schmale Maison Saint-Cyr, dazwischen Straßenzüge, in denen Beamte, Diplomaten und Bürogebäude den Alltag bestimmen. Der Kontrast gehört dazu: Glasfassaden aus den 1990er-Jahren neben Häusern von 1900.

Wenn du ohnehin im Osten bist, nimm das Künstlerhaus am Jubelpark mit. Beide Gebiete zusammen an einem Tag sind machbar, wenn du zwischendurch die Metro nimmst, statt alles zu laufen.

Was verloren gegangen ist

Horta baute nicht nur für reiche Kunden. Sein Volkshaus für die sozialistische Arbeiterbewegung, ein Bau aus Eisen und Glas mit gebogener Fassade, wurde 1965 abgerissen und durch einen Büroturm ersetzt. Der Abriss löste international Protest aus und gilt bis heute als der größte Verlust der Stadt. Dafür gibt es sogar ein eigenes Wort: Brüsselisierung beschreibt, wie eine Innenstadt für Verkehr und Büros geopfert wird.

Dutzende weitere Häuser verschwanden in denselben Jahren. Was steht, steht heute unter Schutz, und Brüssel geht offensiv damit um: Fassaden werden restauriert, Sgraffito wird ergänzt, Führungen sind organisiert. Der Bestand ist trotzdem lückenhaft, und genau deshalb wirkt er so verstreut.

Antwerpen: Zurenborg als Ergänzung

Wer nach Brüssel noch mehr will, fährt nach Antwerpen und läuft durch Zurenborg. Das Viertel entstand um 1900 in einem Zug, und es ist kein reines Jugendstilquartier, sondern eine Parade der Stile: Neorenaissance neben Neugotik neben Art nouveau, dazu ägyptische, japanische und mittelalterliche Anspielungen an derselben Straße. Die Cogels-Osylei ist die bekannteste Achse, an einer Kreuzung stehen vier Eckhäuser, die die vier Jahreszeiten darstellen.

Zurenborg liegt wenige Minuten zu Fuß vom Bahnhof Antwerpen-Berchem und ist als Spaziergang in einer Stunde erledigt. Wichtig: Das ist ein bewohntes Viertel ohne Museum und ohne Kasse. Bleib auf dem Gehweg, klingle nicht, fotografiere nicht in Fenster. Sonntagvormittag ist die ruhigste Zeit, das Licht steht dann günstig auf den Fassaden der Ostseite.

Praktisch: Anreise, Zeit und das Auto

Beide Städte funktionieren am besten ohne Wagen. Innerhalb Brüssels bringt dich die Metro nach Osten, Tram und Bus nach Süden, und die eigentliche Route läufst du ohnehin zu Fuß. Zwischen Brüssel und Antwerpen fahren tagsüber sehr häufige Züge, die Fahrt dauert deutlich unter einer Stunde. Wie das Bahnsystem im Land funktioniert, steht unter Belgien mit dem Zug.

Kommst du mit dem Auto, denk an die Umweltzonen. Sie gelten in Brüssel, Antwerpen und Gent, und ein ausländisches Kennzeichen muss vorher online registriert sein, sonst folgt ein Bußgeld. Maut zahlst du mit dem Pkw in Belgien nirgends, ausgenommen die Liefkenshoektunnel bei Antwerpen. Parken in Saint-Gilles ist mühsam und fast überall bewirtschaftet.

Die beste Zeit für diese Route ist das Frühjahr, wenn private Häuser für Führungen öffnen und das Licht flach genug steht, um Sgraffito lesbar zu machen. Im Sommer ist es voller, im Winter kannst du die Fassaden immer noch sehen, aber die meisten Innenräume bleiben zu. Wo der Jugendstil im Verhältnis zu den übrigen Zielen der Hauptstadt steht, zeigt die Übersicht der Brüsseler Sehenswürdigkeiten.

Häufige Fragen

Wo sieht man in Brüssel den schönsten Jugendstil?

Am dichtesten steht er in Saint-Gilles und Ixelles südlich des Zentrums, rund um das Horta-Museum, die Avenue Brugmann und die Rue du Bailli. Die zweite Gruppe liegt östlich am Square Ambiorix und an der Avenue Palmerston. Beide Gebiete sind Wohnviertel: Du läufst durch normale Straßen und schaust an Fassaden hoch, statt ein Museumsareal abzugehen.

Kann man die Horta-Häuser von innen besichtigen?

Regulär nur eines. Hortas Wohnhaus mit Atelier in Saint-Gilles ist heute Museum, dort buchst du online ein Zeitfenster, fotografieren darfst du nicht. Das Hôtel Solvay und das Hôtel van Eetvelde sind Privatbesitz und öffnen zeitweise für angemeldete Führungen in kleinen Gruppen. Das Hôtel Tassel siehst du ausschließlich von der Straße.

Warum heißt Jugendstil in Belgien Art nouveau?

Weil der Begriff aus dem Französischen kommt und sich in Belgien in beiden Landessprachen durchgesetzt hat. Auf Niederländisch spricht man ebenfalls von art nouveau. Das deutsche Wort Jugendstil findest du vor Ort weder auf Schildern noch in Broschüren. Wenn du eine Führung suchst oder nach Hinweisen fragst, benutze Art nouveau, sonst versteht dich niemand.

Lohnt sich Zurenborg in Antwerpen?

Ja, als Ergänzung von etwa einer Stunde. Das Viertel entstand um 1900 in einem Zug und mischt Art nouveau mit Neorenaissance, Neugotik und allerlei historischen Anspielungen. Die Cogels-Osylei ist die bekannteste Straße. Es gibt kein Museum und keine Kasse: Du läufst durch ein bewohntes Viertel, also leise sein und nicht in Fenster fotografieren.

Wie viel Zeit braucht eine Jugendstil-Route in Brüssel?

Für Saint-Gilles und Ixelles mit Museumsbesuch planst du einen halben Tag, reine Gehzeit sind gut zwei Stunden. Nimmst du den Osten rund um den Square Ambiorix dazu, wird ein ganzer Tag daraus, am besten mit der Metro zwischen den beiden Gebieten. Bequeme Schuhe helfen, zwischen Ober- und Unterstadt geht es spürbar bergauf.

Ist der Brüsseler Jugendstil etwas für Kinder?

Das Museum eher nicht, die Straßen schon. Ohne Anfassen und ohne Fotografieren wird ein Innenraum für Kinder schnell langweilig. Draußen funktioniert es als Suchspiel: Wer findet die meisten Blumen im Eisen, die meisten Pfauen im Sgraffito, das schmalste Haus? Die Lichthalle im Comic-Zentrum verbindet beides, denn dort gibt es hinterher Comics.