Auf einen Blick
- BezeichnungNeunte Kunst, strips oder bandes dessinées
- Tim und StruppiErste Folge am 7. Januar 1929 in Brüssel
- Comic-ZentrumKaufhaus von Victor Horta, 1906, Museum seit 1989
- Hergé-MuseumLouvain-la-Neuve, eröffnet 2009
- ComicwändeKostenlose Route quer durch Brüssel
- DauerMuseum 2 Stunden, Wände 2 bis 3 Stunden
Warum Comics hier neunte Kunst heißen
Der Begriff neunte Kunst, auf Französisch le neuvième art, ist in Belgien und Frankreich keine Marketingfloskel, sondern gängige Bezeichnung. Comics werden hier seit Jahrzehnten so besprochen wie Film oder Literatur, mit eigenen Verlagen, Kritikern und Preisen. Auf Niederländisch heißen sie strips, auf Französisch bandes dessinées oder kurz BD.
Historisch gibt es zwei Schulen, und der Unterschied ist im Regal sofort sichtbar. Die Brüsseler Schule steht für die klare Linie, auf Französisch ligne claire: gleichmäßige Konturen, kaum Schatten, sachliche Hintergründe. Die Schule von Marcinelle, benannt nach einem Stadtteil von Charleroi, arbeitet runder, karikierender und beweglicher. Dort saß der Verlag, der das Magazin Spirou herausgab.
Tim und Struppi, das Werk eines Einzelnen
Georges Remi, geboren 1907 in Brüssel, drehte seine Initialen um und nannte sich Hergé. Am 7. Januar 1929 erschien in der Kinderbeilage einer Brüsseler Zeitung die erste Folge über einen jungen Reporter mit Hund. Tim und Struppi war geboren, und die Serie begleitete Hergé bis zu seinem Tod 1983.
Die frühen Bände sind Zeitdokumente mit allen Problemen ihrer Zeit, und das wird in Belgien auch so besprochen. Ab den vierziger Jahren wurden die Geschichten sorgfältiger recherchiert, die Zeichnungen strenger, die Hintergründe genauer. Genau diese Klarheit hat den Stil geprägt, den halb Europa kopiert hat.
Wenn du nur eine Comic-Adresse in Belgien ansteuerst und Hergé magst, dann diese: das Museum in Louvain-la-Neuve, seit 2009 in einem eigens gebauten Haus. Es zeigt Originalseiten, Skizzen und Werbearbeiten und erzählt den Menschen hinter der Serie, ohne ihn zu verklären. Der Ort selbst ist ein Kuriosum: eine komplett neu gebaute Universitätsstadt aus den siebziger Jahren, autofrei im Zentrum, weil der Verkehr unter der Fußgängerebene läuft.
Die zweite Familie: Spirou, Lucky Luke, die Schlümpfe
Rund um das Magazin Spirou entstand ab den vierziger Jahren eine ganze Generation. Morris, mit bürgerlichem Namen Maurice De Bevere und geboren in Kortrijk, erfand 1946 Lucky Luke, den Cowboy, der schneller zieht als sein Schatten. André Franquin aus Brüssel übernahm Spirou, erfand das Marsupilami und schuf mit Gaston den vermutlich faulsten Büroangestellten der Literaturgeschichte.
Und dann Peyo, ebenfalls Brüsseler, eigentlich Pierre Culliford. 1958 tauchten in einer seiner Geschichten kleine blaue Wesen auf, die niemand für wichtig hielt. Auf Französisch heißen sie Schtroumpfs, auf Niederländisch Smurfen, auf Deutsch Schlümpfe. Bekannter wurden sie schnell als die Serie, in der sie ihren ersten Auftritt hatten.
Dazu kommt Edgar P. Jacobs mit Blake und Mortimer, dessen Geschichten in einem Brüssel spielen, das du beim Herumlaufen wiedererkennst. Später kamen Serien wie Thorgal, XIII und Largo Winch dazu, die zeigen, dass die belgische Comic-Szene nie bei Kinderstoffen stehen geblieben ist.
Gut zu wissen: Viele belgische Serien tragen im Deutschen andere Namen als im Original, und in den Comicläden vor Ort findest du sie unter Französisch oder Niederländisch einsortiert. Schreib dir die Originaltitel auf, sonst suchst du im Regal vergeblich.
Suske und Wiske: der flämische Teil der Geschichte
In Flandern läuft eine zweite, eigene Tradition, die in Deutschland fast unbekannt geblieben ist. Willy Vandersteen aus Antwerpen schuf 1945 Suske en Wiske, zwei Kinder, die in jedem Band in einem anderen Jahrhundert landen. Die Serie erscheint seit Jahrzehnten ohne Unterbrechung und gehört in Flandern zum Haushalt wie das Kochbuch.
In Deutschland sind die Bände mehrfach unter wechselnden Namen erschienen und nie richtig angekommen. Genau deshalb ist ein flämischer Comicladen eine gute Idee: Du bekommst dort einen kompletten Kosmos, den du zu Hause nirgends findest, und die Bilder funktionieren auch, wenn dein Niederländisch nicht reicht.
Das Comic-Zentrum in Brüssel
Das belgische Comic-Zentrum sitzt in einem ehemaligen Textilkaufhaus, das Victor Horta 1906 gebaut hat: Stahl, Glasdach, eine geschwungene Treppe im Lichthof. Seit 1989 ist dort das Museum. Das Gebäude allein wäre den Besuch wert, und für Jugendstilfans ist es ein doppelter Gewinn.
Inhaltlich bekommst du Originalzeichnungen, eine Abteilung zur Technik des Comiczeichnens von der Bleistiftskizze bis zur Druckplatte, und Räume zu den großen Serien. Rechne mit anderthalb bis zwei Stunden. Alles Weitere zum Haus steht auf der Seite zum Comic-Zentrum in Brüssel.
Tickets: Buch online mit Zeitfenster, das spart an Regentagen und in den Ferien die Warteschlange am Eingang. Wer mehrere Brüsseler Häuser besuchen will, prüft die Museumskarte der Stadt, sie rechnet sich meist ab dem dritten Besuch. Der Museumsladen hat die größte Comic-Auswahl der Stadt und ist auch ohne Ticket zugänglich.
Die Comicwände: die beste kostenlose Route Brüssels
Seit Anfang der neunziger Jahre lässt die Stadt Brüssel Hausgiebel und fensterlose Seitenwände mit Comicfiguren bemalen. Inzwischen sind es so viele, dass du sie an einem Tag nicht alle schaffst. Die Wände sind großformatig, sorgfältig gemalt und über die halbe Innenstadt verteilt, von der Unterstadt bis in die Marollen und hinauf Richtung Sablon.
Das Schöne daran: Die Route kostet nichts, funktioniert bei jedem Wetter und führt dich in Gassen, in die du sonst nie abbiegen würdest. Eine der bekanntesten Wände liegt an der Gasse, die zum Manneken Pis führt. Von dort aus kommst du in wenigen Minuten zur nächsten und übernächsten.
Plan zwei bis drei Stunden ein, lad dir vorher eine Karte der Wände herunter und lauf die Route gegen den Uhrzeigersinn, dann hast du am Ende den Aufstieg zur Oberstadt und nicht mittendrin. Welche anderen Ziele auf dem Weg liegen, steht bei den Sehenswürdigkeiten in Brüssel.
Tipp: Fotografiere die Wände am Vormittag. Viele liegen an Straßen, die nachmittags im Gegenlicht stehen, und dann verschwinden die Farben. Außerdem parken abends Lieferwagen davor, die dir das halbe Bild verdecken.
Comics kaufen, ohne Fehlgriff
Das Standardformat ist das Album: fester Einband, immer dasselbe Format, rund achtundvierzig Seiten. Neuerscheinungen liegen in jeder Buchhandlung, spannender sind die Sammlerläden und Antiquariate rund um die Innenstadt. Dort findest du alte Ausgaben, Gesamtausgaben ganzer Serien und gelegentlich signierte Exemplare.
Achte auf die Sprache. In Flandern stehen die niederländischen Ausgaben im Regal, in der Wallonie die französischen, in Brüssel beide nebeneinander. Deutsche Übersetzungen findest du kaum, und wenn, dann teurer als zu Hause. Für die klassischen Serien ist das kein Problem: Wer die Geschichten kennt, liest sie über die Bilder mit.
Wenn du etwas mitnehmen willst, das nicht jeder hat, greif zu einer flämischen Serie oder zu einer Gesamtausgabe. Alben sind stabil, aber sperrig, deshalb gehören sie flach in den Koffer und nicht in den Rucksack, wo die Ecken leiden.
So verbindest du das an einem Tag
Der einfachste Plan: vormittags das Comic-Zentrum, danach zu Fuß die Comicwände Richtung Unterstadt, mittags Fritten an einer Bude abseits der Hauptstraßen, nachmittags ein Comicladen und ein Kaffee. Wer mehr will, hängt am zweiten Tag Louvain-la-Neuve an, das mit dem Zug von Brüssel aus gut erreichbar ist und einen Umstieg braucht.
Mit Kindern funktioniert die Kombination besonders gut, weil zwischen den Wänden immer Bewegung ist und niemand still stehen muss. Wer noch Zeit hat, findet in Antwerpen und in mehreren kleineren Städten einzelne Comicwände, meist in der Nähe des alten Zentrums.
Häufige Fragen
Wo sieht man in Brüssel die Comicwände?
Die Wände sind über die halbe Innenstadt verteilt, von der Unterstadt über die Marollen bis Richtung Sablon. Eine der bekanntesten liegt an der Gasse, die zum Manneken Pis führt. Die Route ist kostenlos und dauert mit Pausen zwei bis drei Stunden. Lad dir vorher eine Karte herunter, sonst läufst du unnötige Umwege.
Lohnt sich das Comic-Zentrum in Brüssel?
Ja, auch für Leute, die keine Comics lesen. Das Haus ist ein Kaufhaus von Victor Horta aus dem Jahr 1906 mit Glasdach und geschwungener Treppe, allein das ist den Eintritt wert. Dazu kommen Originalzeichnungen und eine gute Abteilung zur Technik des Zeichnens. Plan anderthalb bis zwei Stunden ein.
Wo ist das Hergé-Museum?
In Louvain-la-Neuve, einer geplanten Universitätsstadt südöstlich von Brüssel, seit 2009 in einem eigens dafür gebauten Haus. Gezeigt werden Originalseiten, Skizzen und Werbearbeiten. Der Ort selbst ist sehenswert: Das Zentrum ist autofrei, weil der gesamte Verkehr unter der Fußgängerebene verläuft. Mit dem Zug ab Brüssel mit einem Umstieg erreichbar.
Welche Comicfiguren kommen aus Belgien?
Mehr, als die meisten denken. Tim und Struppi von Hergé, die Schlümpfe von Peyo, Lucky Luke von Morris, Spirou, Gaston und das Marsupilami von Franquin, Blake und Mortimer von Edgar P. Jacobs. Dazu die flämische Serie Suske en Wiske von Willy Vandersteen, die in Deutschland kaum bekannt ist.
Sind belgische Comics auch für Erwachsene?
Zum großen Teil ja. Comics gelten hier als neunte Kunst und werden wie Film oder Literatur besprochen. Neben den klassischen Familienserien gibt es Abenteuer- und Politserien wie Thorgal, XIII oder Largo Winch sowie eine breite Autorenszene. In den Comicläden findest du ganze Regale, die mit Kinderstoffen nichts zu tun haben.






