Ostflandern · Gent

Sankt-Bavo-Kathedrale & Genter Altar

In Gent hängt das Bild, für das Kunsthistoriker Umwege von tausend Kilometern fahren: die Anbetung des Lammes Gottes, vollendet 1432 von Hubert und Jan van Eyck. Auf Niederländisch heißt es „Het Lam Gods“, und es gilt als der Anfang der modernen europäischen Malerei.

Der Altar steht heute in einem eigenen Besucherzentrum in der Sankt-Bavo-Kathedrale, für das du ein Zeitfenster brauchst. Hier steht, wie der Besuch abläuft, warum das Lamm nach der Restaurierung anders aussieht als auf allen alten Fotos und was es mit der Tafel auf sich hat, die seit 1934 fehlt.

Sankt-Bavo-Kathedrale & Genter Altar
Foto: Julian Lupyan, CC0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • RegionOstflandern, Gent
  • Lokaler NameSint-Baafskathedraal, Het Lam Gods
  • Vollendet1432, von Hubert und Jan van Eyck
  • AufbauKlappretabel aus zwölf Tafeln, beidseitig bemalt
  • BesuchBesucherzentrum mit Zeitfenster, Kirche frei zugänglich
  • Besuchsdauer60 bis 90 Minuten

Warum der Genter Altar so besonders ist

Der Altar ist ein Klappretabel aus zwölf Tafeln, beidseitig bemalt, vollendet 1432. Auf der Rahmeninschrift stehen zwei Namen: Hubert van Eyck, der die Arbeit begann, und sein Bruder Jan, der sie zu Ende brachte. Gestiftet hat das Werk ein Gentser Ratsherr mit seiner Frau, beide knien auf den Außenflügeln.

Das Besondere ist die Technik. Van Eyck legte Farbe in dünnen Ölschichten übereinander, dadurch bekommen Stoffe, Metall und Edelsteine eine Tiefe, die vorher niemand gemalt hatte. Du siehst einzelne Barthaare, die Spiegelung eines Fensters in einer Perle, die Poren auf einer Stirn. Aus 30 Zentimetern Abstand wirkt das wie eine Fotografie aus dem 15. Jahrhundert.

In der Mitte der geöffneten Tafeln steht das Lamm auf einem Altar, ringsum knien Heilige, Märtyrer, Ritter und Richter in einer Wiese, auf der Botaniker über 40 Pflanzenarten bestimmt haben. Es ist ein Bild vom Paradies, gemalt mit der Genauigkeit eines Katasterbeamten.

Wie der Besuch abläuft

Der Altar hängt nicht mehr frei in der Kirche. Er steht in einem eigenen Besucherzentrum im Untergeschoss der Kathedrale, klimatisiert, hinter Glas und in kontrolliertem Licht. Du bekommst ein Zeitfenster, gehst mit einer Gruppengröße hinein, die begrenzt ist, und bleibst so lange, wie du willst.

Vor dem Raum mit dem Original führt ein Rundgang mit Augmented-Reality-Brille durch die Geschichte des Werks. Die Brille legt dir die verlorenen Farbschichten, die Röntgenaufnahmen und die einzelnen Bearbeitungsphasen über den Raum. Wer Technik mag, findet das großartig, wer nur das Bild sehen will, kann den Teil zügig hinter sich bringen.

Rechne insgesamt mit 60 bis 90 Minuten. Für das Bild selbst solltest du mindestens 20 Minuten einplanen, sonst siehst du die Details nicht, für die du gekommen bist.

Tickets: Für das Besucherzentrum buchst du online ein Zeitfenster, und zwar möglichst früh. An Wochenenden und in den Ferien sind die Vormittage zuerst weg. Das Kirchenschiff der Kathedrale kannst du unabhängig davon betreten, dafür brauchst du nichts vorab. Sonntagvormittags haben Gottesdienste Vorrang.

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Die Restaurierung: das Lamm, das dich ansieht

Seit 2012 wird der Altar in Etappen restauriert, Tafel für Tafel, in einem eigens eingerichteten Atelier. Dabei stellte sich heraus, dass gut die Hälfte der sichtbaren Oberfläche gar nicht von van Eyck stammte, sondern aus Übermalungen des 16. Jahrhunderts, die spätere Restauratoren immer wieder ergänzt hatten.

Als diese Schichten abgenommen wurden, kam das ursprüngliche Gesicht des Lammes zum Vorschein: die Augen nach vorn gerichtet, fast menschlich, statt seitlich wie bei einem gewöhnlichen Tier. Das Bild ging um die Welt, und in Gent stritt man wochenlang, ob das nun gruselig oder genial sei. Beides stimmt.

Auch die Farben änderten sich radikal. Grautöne wurden zu tiefem Blau, matte Stoffe zu leuchtendem Rot, der Himmel bekam Tiefe. Wer den Altar vor der Restaurierung kannte, sieht heute ein anderes Bild.

Der Diebstahl von 1934

In der Nacht auf den 11. April 1934 verschwanden zwei Tafelhälften aus der Kathedrale. Eine davon, der Johannes der Täufer, tauchte nach Lösegeldforderungen wieder auf. Die andere, „Die gerechten Richter“, blieb verschwunden. Ein sterbender Verdächtiger soll gesagt haben, er allein wisse, wo die Tafel liege. Er nahm es mit ins Grab.

Seither wird gesucht: unter Kirchenböden, in Kellern, auf Friedhöfen, mit Bodenradar und mit Wünschelruten. Gefunden wurde nichts. An der Stelle hängt heute eine Kopie, die ein belgischer Restaurator in den 1940er Jahren malte. Aus zwei Metern Abstand fällt der Unterschied kaum auf, aus zwanzig Zentimetern sofort.

Der Fall ist in Belgien so präsent wie bei uns ein ungelöster Kriminalfall aus dem Fernsehen. Frag in Gent danach, und du bekommst mindestens drei Theorien zu hören.

Gut zu wissen: Der Altar hat mehr Ortswechsel hinter sich als die meisten Menschen. Er überstand den Bildersturm von 1566 im Turm versteckt, wurde 1794 nach Paris verschleppt, kam 1815 zurück, mehrere Flügel landeten im 19. Jahrhundert in Berlin und kehrten nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Im Zweiten Weltkrieg lagerte er schließlich in einem österreichischen Salzbergwerk, aus dem ihn die Alliierten 1945 herausholten.

Die Kathedrale selbst

Über dem Genter Altar lohnt sich die Kirche fast zu übersehen, und das wäre schade. Die Sankt-Bavo-Kathedrale wuchs über Jahrhunderte: unten eine romanische Krypta aus dem 12. Jahrhundert, darüber gotischer Chor und Langhaus aus Backstein und hellem Sandstein, innen eine barocke Kanzel aus Marmor und Eichenholz.

Im Seitenschiff hängt außerdem ein Rubens, der den heiligen Bavo beim Eintritt ins Kloster zeigt. Und noch ein Detail für Historiker: 1500 wurde in dieser Kirche Karl V. getauft, geboren im Prinzenhof ein paar Straßen weiter. Die Krypta ist der stillste Ort im ganzen Gebäude.

Tipp: Nimm das erste Zeitfenster des Tages, geh danach ins Kirchenschiff und setz dich zehn Minuten hin. Um diese Zeit ist es fast leer, und du siehst den Chor im Morgenlicht. Anschließend liegt der Belfried zwei Minuten entfernt, und der Aufstieg passt gut hinterher.

Was du drumherum planst

Die Kathedrale steht am Sint-Baafsplein, gegenüber vom Stadttheater und direkt neben dem Belfried. Bis zur Graslei sind es fünf Minuten, der ganze Kern liegt also in Gehweite. Wie sich der Besuch in einen Tag einfügt, steht in der Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Gent.

Wenn dich van Eyck und die flämischen Primitiven interessieren, plane zusätzlich das Museum der Schönen Künste im Citadelpark ein. Und wer den historischen Rahmen sucht, in dem all das entstand, ist im STAM richtig, dem Stadtmuseum in der Bijloke-Abtei.

Achtung: Die Kathedrale ist eine aktive Bischofskirche. Bei Gottesdiensten, Beerdigungen und Konzerten sind Teile gesperrt, und das lässt sich nicht immer vorher ankündigen. Wenn dein Tag am Altar hängt, nimm ein Zeitfenster am Vormittag eines Werktags.

Wenn es nicht klappt

  • Wenn es voll istWenn die Zeitfenster für heute weg sind, buch gleich für morgen früh und geh stattdessen in die Kirche selbst, die ist frei zugänglich. Als Ersatz am selben Tag funktionieren der Belfried nebenan oder das Museum der Schönen Künste im Citadelpark, wo weitere flämische Meister hängen.
  • Wenn es regnetIdeal bei Regen, denn Besucherzentrum und Kirche liegen komplett im Trockenen. Der Weg vom Korenmarkt dauert keine fünf Minuten. Bei Dauerregen lässt sich der Besuch gut mit dem Belfried und einem Museum zu einem ganzen Innentag verbinden.
  • Mit KindernFür kleinere Kinder ist der Rundgang lang und still. Die Brille mit den eingeblendeten Bildern funktioniert ab etwa zehn Jahren gut, jüngere Kinder verlieren schnell die Geduld. Ein Tipp, der zieht: das Lamm suchen lassen, das dem Betrachter direkt in die Augen schaut.
  • Mit eingeschränkter MobilitätDas Besucherzentrum ist neu gebaut und mit Aufzug erreichbar, die Wege drinnen sind eben. In der Kirche selbst gibt es einzelne Stufen und in der romanischen Krypta enge, unebene Abschnitte. Der Vorplatz ist gepflastert, aber flach.

Häufige Fragen

Muss man für den Genter Altar vorher buchen?

Ja, für das Besucherzentrum brauchst du ein Zeitfenster, und die guten Slots sind früh weg. Die Zahl der Menschen im Raum ist begrenzt, spontan hineinzugehen klappt selten. Das Kirchenschiff der Kathedrale kannst du dagegen ohne Ticket betreten, dort siehst du Chor, Kanzel und den Rubens, nur eben nicht den Altar.

Wie lange sollte man für den Genter Altar einplanen?

Rechne mit 60 bis 90 Minuten. Davon geht ein guter Teil für den Rundgang mit der Augmented-Reality-Brille drauf, der die Geschichte und die Restaurierung erklärt. Vor dem Original selbst solltest du mindestens 20 Minuten bleiben. Die Details, für die van Eyck berühmt ist, siehst du erst, wenn du dir Zeit lässt.

Warum fehlt eine Tafel des Genter Altars?

In der Nacht auf den 11. April 1934 wurden zwei Tafelhälften gestohlen. Der Johannes der Täufer kam nach Lösegeldforderungen zurück, die Tafel mit den gerechten Richtern nie. Trotz Suchaktionen mit Bodenradar bis heute keine Spur. An ihrer Stelle hängt eine Kopie aus den 1940er Jahren, die aus der Nähe deutlich erkennbar ist.

Warum sieht das Lamm anders aus als früher?

Weil bei der Restaurierung seit 2012 Übermalungen aus dem 16. Jahrhundert abgenommen wurden. Darunter kam van Eycks ursprüngliches Lamm zum Vorschein: mit nach vorn gerichteten, fast menschlichen Augen statt der seitlich stehenden Augen des übermalten Tiers. Auch die Farben sind seither kräftiger und tiefer als auf allen älteren Aufnahmen.

Lohnt sich die Kathedrale auch ohne den Altar?

Ja, wenn auch nicht als Höhepunkt der Reise. Die Kirche zeigt romanische Krypta, gotischen Chor und barocke Ausstattung in einem Gebäude, dazu einen Rubens im Seitenschiff. Und hier wurde 1500 Karl V. getauft. Der Eintritt ins Kirchenschiff kostet nichts, für die Krypta gelten eigene Regeln.