Region in Belgien

Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens

Im Osten Belgiens liegt ein Gebiet aus neun Gemeinden, in dem Deutsch Amtssprache ist: rund 78.000 Menschen, ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung. Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist damit der kleinste Gliedstaat Europas mit eigener Gesetzgebung, und nach außen tritt sie als Ostbelgien auf.

Für Reisende aus Deutschland ist das die einfachste Ecke des Landes: keine Sprachhürde, keine Ortsnamen zum Raten, die Grenze eine Viertelstunde entfernt. Trotzdem bist du im Ausland, mit belgischer Verwaltung, belgischem Bier und der Frittenbude am Marktplatz. Dazu kommt das Hohe Venn, das größte Hochmoor des Landes.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens
Foto: Aline, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • RegionOsten der Provinz Lüttich, an der Grenze zu Deutschland
  • Gemeindenneun, mit rund 78.000 Einwohnern
  • AmtsspracheDeutsch, in Verwaltung, Schule und Beschilderung
  • Institutioneneigenes Parlament und eigene Regierung, Sitz in Eupen
  • Belgisch seit1920, nach dem Versailler Vertrag
  • Empfohlene Dauer2 bis 4 Tage, als Wanderbasis eine Woche

Ein Gliedstaat mit 78.000 Einwohnern

Belgien ist doppelt geteilt: in drei Regionen, die für Wirtschaft, Verkehr und Raumordnung zuständig sind, und in drei Gemeinschaften, die sich um Sprache, Schule und Kultur kümmern. Die kleinste davon ist die deutschsprachige. Sie umfasst neun Gemeinden im Osten der Provinz Lüttich: Eupen, Kelmis, Lontzen, Raeren, Amel, Büllingen, Bütgenbach, Burg-Reuland und Sankt Vith.

Rund 78.000 Menschen leben hier, vertreten durch ein eigenes Parlament mit 25 Abgeordneten und eine eigene Regierung mit Sitz in Eupen. Zuständig ist die Gemeinschaft unter anderem für Schulen, Kultur, Jugend, Beschäftigung und Teile des Gesundheits- und Sozialwesens, und sie erlässt dazu eigene Gesetze. Kleiner ist kein Gliedstaat Europas mit eigener Gesetzgebung. Bei allem, was nicht in ihre Zuständigkeit fällt, bleibt die Region Teil Walloniens.

Gut zu wissen: Ostbelgien und Ostkantone sind nicht dasselbe. Zu den Ostkantonen zählt auch Malmedy, das 1920 gemeinsam mit Eupen belgisch wurde, aber französischsprachig blieb und es bis heute ist. Wer das nicht weiß, wundert sich, sobald im Warchetal plötzlich alle Schilder auf Französisch stehen.

Wie das Gebiet belgisch wurde

Bis 1920 gehörten Eupen, Malmedy und Sankt Vith zu Preußen. Der Versailler Vertrag sprach die Kreise Belgien zu, zunächst unter einer Übergangsverwaltung, danach endgültig. 1940 annektierte das Deutsche Reich das Gebiet, junge Männer wurden zur Wehrmacht eingezogen, und viele kamen nicht zurück. Nach 1945 fiel die Region an Belgien, und die Frage, wer hier wohin gehört, blieb noch lange schwierig.

Im Winter 1944 verlief die Front ein zweites Mal durch das Gebiet. Sankt Vith war ein Straßenknotenpunkt, wurde deshalb umkämpft und fast vollständig zerstört, übrig blieb ein einzelner mittelalterlicher Turm. Den militärischen Zusammenhang erklärt die Seite zur Ardennenoffensive. Die Sprachrechte kamen erst nach und nach: feste Sprachgebiete seit 1963, ein eigener Rat in den 1970er-Jahren, eigene Gesetzgebung seit den 1980er-Jahren.

Deutsch im Alltag, Französisch hinter der nächsten Kurve

In den neun Gemeinden läuft alles auf Deutsch: Verwaltung, Schule, Zeitung, Rundfunk, Beschilderung. Im Alltag hörst du zusätzlich Platt, eine Mundart, die mit der Eifel verwandt ist und für rheinische Ohren vertraut klingt. Französisch lernen die Kinder ab der Grundschule. Für Gäste aus Deutschland heißt das: kein Übersetzen, keine Rätsel auf der Speisekarte, keine Verwechslung von Ortsnamen.

Ein paar Kilometer weiter ist damit Schluss. Sobald du die Gemeinschaft verlässt, stehen die Wegweiser nur noch auf Französisch, und die Namen wechseln mit: Lüttich findest du ausschließlich als Liège, Sankt Vith taucht auf französischen Karten als Saint-Vith auf, Büllingen als Bullange, Kelmis als La Calamine. Wie die Sprachgrenze im ganzen Land funktioniert, erklärt Sprachen in Belgien.

Das Hohe Venn

Westlich von Eupen beginnt ein Hochplateau, das nicht aussieht wie der Rest des Landes: das Hohe Venn, auf Französisch Hautes Fagnes. Es ist ein Hochmoor und kein Wald. Torfmoose wachsen oben nach und sterben unten ab, das Wasser steht im Polster, und darauf wachsen Wollgras, Heide und Krüppelbirken. Der Signal de Botrange ist mit 694 Metern der höchste Punkt Belgiens, allerdings ein flacher Buckel mit Aussichtsturm und kein Gipfel.

Gelaufen wird auf Holzstegen, und das ist keine Empfehlung, sondern Vorschrift. Ein Tritt daneben kostet Vegetation, die Jahrzehnte zum Nachwachsen braucht. Für die streng geschützten Zonen brauchst du einen zugelassenen Führer, in trockenen Perioden wird das Gebiet wegen Brandgefahr komplett gesperrt. Die meisten Runden starten am Naturparkzentrum bei Botrange, von Bütgenbach aus bist du in einer knappen halben Stunde dort.

Achtung: Auf dem Plateau ist das Wetter ein eigenes Thema. Es ist hier kühler, feuchter und windiger als im Tal, Nebel zieht schnell auf, und Schnee bleibt länger liegen als anderswo in Belgien. Nimm wasserdichte Schuhe, eine Windjacke und eine Karte mit. Im Moor sehen alle Stege gleich aus, und das Handynetz ist streckenweise schwach.

Eupen, Sankt Vith und die Dörfer dazwischen

Eupen ist die Hauptstadt der Gemeinschaft: Tuchmacherhäuser aus dem 18. Jahrhundert, eine barocke Kirche, das Parlament in einem umgebauten Sanatorium über der Stadt und die Wesertalsperre am Ortsrand. Sankt Vith im Süden ist das Gegenteil, ein Ort ohne Altstadt, schmucklos wiederaufgebaut in den 1950er-Jahren und Ausgangspunkt für Wälder und das Ourtal.

Dazwischen liegen Dörfer, die man leicht übersieht. In Raeren steht eine Wasserburg, in der das berühmte Steinzeug gezeigt wird, das hier gebrannt wurde. Kelmis gehörte bis 1920 zu Neutral-Moresnet, einem winzigen Gebiet ohne klare Staatszugehörigkeit, das wegen einer Zinkerzgrube entstand. Bütgenbach und Büllingen haben Stauseen mit Badezone und Bootsverleih, Burg-Reuland eine Burgruine über dem Tal der Our.

Die Vennbahn

Die Vennbahn ist eine ehemalige Eisenbahnstrecke, die heute als Radweg von Aachen quer durch Ostbelgien bis nach Troisvierges in Luxemburg führt, rund 125 Kilometer weit. Weil eine Bahntrasse keine Steigungen mag, verteilen sich die Höhenmeter gleichmäßig, und die Strecke funktioniert auch mit Kindern oder ohne Motor am Rad. Unterwegs kommen Viadukte, tiefe Einschnitte und alte Bahnhofsgebäude.

Kurios wird es an der Grenze: Die Trasse selbst kam 1920 zu Belgien, das Land östlich davon blieb deutsch. Dadurch liegen dort bis heute mehrere kleine deutsche Exklaven, vom übrigen Deutschland durch einen Bahndamm getrennt. Beim Radeln merkst du davon nichts außer wechselnden Ortsschildern, aber es ist eine der schrägsten Grenzziehungen Europas.

Tipp: Plane die Vennbahn als Strecke und nicht als Runde. Von Aachen nach Süden geht es überwiegend leicht bergan, dafür sehr gleichmäßig. In mehreren Orten kannst du Räder leihen, und für die Rückfahrt fragst du vor Ort nach Shuttle und Bus, denn die alte Bahnlinie fährt nicht mehr. Wer nur einen Tag hat, nimmt das Stück rund um Sankt Vith.

Essen, Bier und Karneval

Gegessen wird deftig: Ardenner Schinken, im Herbst Wild, Kartoffeln in jeder Form und Waffeln, wenn es kalt ist. Die Fritten kommen aus der Frituur und sind Alltagskultur, kein schneller Hunger zwischendurch. Beim Bier lohnt eine Unterscheidung: Trappistenbier darf nur so heißen, wenn es im Kloster unter Aufsicht der Mönche gebraut wird, Abteibier ist eine Lizenzfrage. Die belgische Biertradition steht als immaterielles Kulturerbe auf der UNESCO-Liste.

Karneval wird in Ostbelgien rheinisch gefeiert, mit Sitzungen, Prinzenpaar und Umzügen, die in kleinen Dörfern erstaunlich groß ausfallen. Der Termin hängt am Osterdatum und wandert jedes Jahr, feste Kalendertage gibt es nicht. Wer in dieser Zeit anreist, bucht früh und rechnet mit gesperrten Straßen. In der französischsprachigen Nachbarstadt Malmedy sieht der Karneval übrigens völlig anders aus, mit eigenen Figuren und eigenen Regeln.

Anreise und Praktisches

Mit dem Zug ist Eupen Endstation einer durchgehenden Linie aus Brüssel über Lüttich, aus Aachen fährt ein Bus über die Grenze. Sankt Vith hat keinen Personenbahnhof mehr, dorthin kommst du mit dem Bus oder mit dem Auto, und am Wochenende wird der Fahrplan dünn. In den Dörfern und am Venn bist du ohne Auto deutlich eingeschränkt, eine Wanderung im Moor lässt sich mit dem Bus nur an wenigen Punkten anfangen.

Mit dem Auto ist die Anreise kurz: Von Aachen bist du in rund zwanzig Minuten in Eupen, von Köln in gut einer Stunde. Von Eupen nach Sankt Vith brauchst du rund eine Stunde, die Straßen sind kurvig und im Winter oft glatt. Maut fällt für Pkw in Belgien nicht an, ausgenommen die Liefkenshoektunnel bei Antwerpen. Umweltzonen gibt es hier keine, sie gelten in Brüssel, Antwerpen und Gent, wo ausländische Kennzeichen vorher online registriert sein müssen.

Wann du kommen solltest

Für Wanderungen und Radtouren ist die Zeit von Mai bis Oktober am besten, mit einem Höhepunkt im Herbst, wenn sich Buchen und Lärchen färben und das Venn rostrot wird. Im Sommer bleibt es auf dem Plateau angenehm kühl, und überlaufen ist die Region selbst in den Ferien nicht. Im Frühjahr ist der Boden lange nass, feste Schuhe sind dann Pflicht.

Der Winter ist eine eigene Empfehlung, sobald Schnee liegt: Dann werden Loipen gespurt, das Moor sieht aus wie ein anderes Land, und in den Dörfern ist es sehr still. Verlassen kannst du dich darauf nicht, Schnee ist hier keine feste Größe. Abfahrtsski findest du allenfalls an kurzen Hängen, dafür ist Langlauf hier eine ernsthafte Sache.

Häufige Fragen

Spricht man in Ostbelgien wirklich überall Deutsch?

In den neun Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft ja. Verwaltung, Schulen, Zeitungen, Rundfunk und Straßenschilder laufen auf Deutsch, im Alltag hörst du zusätzlich Platt. Französisch lernen die Kinder ab der Grundschule. Sobald du das Gebiet verlässt, steht auf den Wegweisern nur noch Französisch, und die Ortsnamen wechseln mit, aus Lüttich wird Liège.

Was ist die Deutschsprachige Gemeinschaft genau?

Ein Gliedstaat im belgischen Bundesstaat: neun Gemeinden im Osten der Provinz Lüttich, rund 78.000 Einwohner, ein Parlament mit 25 Abgeordneten und eine eigene Regierung in Eupen. Zuständig ist sie unter anderem für Schulen, Kultur, Jugend und Beschäftigung und kann dazu eigene Gesetze erlassen. Kleiner ist kein Gliedstaat Europas mit eigener Gesetzgebung.

Wie kommt man ins Hohe Venn?

Am einfachsten mit dem Auto von Eupen, Bütgenbach oder Malmedy aus, alle drei liegen weniger als eine halbe Stunde entfernt. Startpunkt für die meisten Runden ist das Naturparkzentrum bei Botrange. Gelaufen wird auf Holzstegen, für die streng geschützten Zonen brauchst du einen zugelassenen Führer. Bei Trockenheit wird das Moor wegen Brandgefahr kurzfristig gesperrt.

Wie viele Tage braucht man für Ostbelgien?

Zwei bis vier Tage reichen für Eupen, Sankt Vith, eine Vennwanderung und einen der Stauseen. Wer wandert oder Rad fährt, bleibt besser eine Woche und nutzt einen Ort als Basis. Als Zwischenstopp auf dem Weg nach Brüssel oder in die Ardennen genügt ein Tag, dann am besten Eupen mit dem Venn im Anschluss.

Warum gehört dieses deutschsprachige Gebiet zu Belgien?

Weil der Versailler Vertrag die Kreise Eupen, Malmedy und Sankt Vith 1920 von Preußen an Belgien übertrug. 1940 annektierte das Deutsche Reich das Gebiet, nach 1945 kam es zu Belgien zurück. Aus dem Sprachenstreit der Nachkriegszeit wuchsen eigene Institutionen: feste Sprachgebiete seit 1963, ein eigener Rat in den 1970er-Jahren, eigene Gesetzgebung seit den 1980er-Jahren.

Kann man in Ostbelgien Ski fahren?

Langlauf ja, Abfahrt kaum. Rund um das Hohe Venn werden Loipen gespurt, sobald genug Schnee liegt, dazu gibt es kurze Hänge mit Schleppliften. Verlässlich ist das nicht, in manchen Wintern bleibt die Schneedecke wochenlang aus. Prüf die Lage kurzfristig und plane immer eine Alternative zu Fuß oder im Museum ein.