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Belfriede in Belgien: Türme der Bürgerfreiheit

In fast jeder flämischen Stadt steht ein Turm, der aussieht wie ein Kirchturm und keiner ist. Der Belfried gehörte der Bürgerschaft: Oben lagen die Urkunden über die Freiheiten der Stadt, darunter hing die Glocke, die zur Versammlung rief und abends die Tore schloss. Er war das Gegenstück zur Kathedrale und zur Burg des Landesherrn.

56 dieser Türme in Belgien und Nordfrankreich stehen gemeinsam auf der UNESCO-Welterbeliste, 33 davon in Belgien. Hier steht, was ein Belfried bedeutete, welche du besteigen kannst und wie hoch der Preis dafür in Stufen ist, und warum das Glockenspiel oft der bessere Teil des Besuchs ist.

Belfriede in Belgien: Türme der Bürgerfreiheit
Foto: Ank Kumar, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf einen Blick

  • UNESCOBelfriede in Belgien und Frankreich, seit 1999
  • Anzahl56 Türme, davon 33 in Belgien
  • Vor OrtBelfort auf Niederländisch, beffroi auf Französisch
  • ÄltesterTournai, ab 1188 gebaut
  • HöchsterAntwerpen, 123 Meter
  • Besuchsdauer45 bis 60 Minuten pro Turm

Was ein Belfried eigentlich ist

Ein Belfried gehört der Bürgerschaft. Nicht dem Bischof, nicht dem Grafen, nicht dem Herzog. Genau das ist der Punkt, und im Mittelalter war es eine kleine Revolution. Städte, die vom Tuchhandel reich geworden waren, kauften ihren Landesherren Rechte ab: eigene Gerichtsbarkeit, eigene Maße und Gewichte, eigene Märkte. Die Urkunden darüber mussten sicher liegen, und dafür bauten sie einen Turm.

Oben lag das Archiv, oft hinter mehreren Schlössern, deren Schlüssel bei verschiedenen Leuten lagen, damit niemand allein hineinkam. Darunter hing die Glocke. Sie rief zur Versammlung, warnte vor Feuer und Feind, schloss abends die Tore und gab den Arbeitstag vor. Wer die Glocke kontrollierte, kontrollierte die Stadt. Deshalb ließ Karl V. nach einem Aufstand in Gent die Sturmglocke abhängen: eine Strafe, die jeder verstand.

Unten schloss meist die Tuchhalle an, in der gewogen, geprüft und gehandelt wurde. Turm, Archiv, Glocke und Handel waren ein einziges Gebäude. Wenn du also vor einem Belfried stehst, siehst du kein Denkmal für einen Heiligen, sondern das Rathaus, die Börse und den Tresor der Stadt in einem.

Warum Belgien und Nordfrankreich gemeinsam auf der Liste stehen

1999 nahm die UNESCO zunächst 32 belgische Belfriede auf die Welterbeliste. 2005 kam eine Erweiterung dazu: 23 Türme im Norden Frankreichs und einer im wallonischen Gembloux. Seitdem heißt die Gruppe „Belfriede in Belgien und Frankreich“ und umfasst 56 Türme, davon 33 in Belgien.

Der gemeinsame Eintrag hat einen Grund. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist jung, die Städte dahinter gehören zur selben Geschichte: flämische und nordfranzösische Tuchstädte mit denselben Freiheiten, denselben Zünften und derselben Bauidee. Der älteste Turm der Gruppe steht in Tournai und wurde ab 1188 gebaut, in dem Jahr, in dem die Stadt ihre Rechte schriftlich zugesichert bekam.

Gut zu wissen: Auf Niederländisch heißt der Turm Belfort, auf Französisch beffroi. In Flandern findest du auf den Wegweisern ausschließlich Belfort, in der Wallonie ausschließlich beffroi, und in Brüssel beides. Der deutsche Begriff Belfried steht nirgends. Das gilt auch für die Städtenamen: Brügge heißt Brugge, Löwen heißt Leuven, Ypern heißt Ieper, Tournai heißt auf Niederländisch Doornik und Mons heißt Bergen.

Nicht jeder Turm auf der Liste ist ein Turm der Bürger

Ein paar Einträge irritieren auf den ersten Blick. Der Turm der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen ist mit 123 Metern der höchste der ganzen Gruppe und gehört trotzdem zu einer Kirche. Aufgenommen wurde er, weil er der Stadt als Wachturm diente und die städtischen Glocken trug, also die Funktion eines Belfrieds übernahm. Dasselbe gilt für den Turmstumpf der Sint-Pieterskerk in Löwen.

Und ein Belfried muss nicht mittelalterlich sein. Der von Mons ist barock, der einzige des Landes, gebaut im 17. Jahrhundert und rund 87 Meter hoch. Der von Charleroi stammt aus den 1930er-Jahren und sieht entsprechend anders aus. Auf der Liste steht die Funktion, nicht der Baustil.

Welche du besteigen kannst

Nur ein Teil der Türme ist zugänglich, und die Unterschiede sind groß. Diese sechs sind die lohnendsten, und die Tabelle sagt dir vorher, worauf du dich einlässt.

Stadt Höhe Aufstieg Das Besondere
Brügge 83 Meter 366 Stufen, kein Aufzug Uhrwerk und Glockentrommel unterwegs
Gent 91 Meter Aufzug, dazu Treppen vergoldeter Drache seit 1377
Mechelen 97 Meter über 500 Stufen, kein Aufzug Skywalk mit Halt bei den Glocken
Tournai der älteste, ab 1188 enge Wendeltreppe Blick auf die Kathedrale mit fünf Türmen
Ypern Turm der Tuchhalle über das Museum vollständiger Wiederaufbau nach 1918
Antwerpen 123 Meter eingeschränkt, mit Führung höchster Turm der ganzen Gruppe

Der Belfried von Brügge ist der bekannteste und der anstrengendste: 366 ausgetretene Stufen in einer engen Wendeltreppe, dafür zwei Zwischenstopps bei der alten Schatzkammer und beim Uhrwerk. Der Belfried von Gent ist der bequemste, weil ein Aufzug den größten Teil der Höhe übernimmt. In Mechelen führt der Skywalk über mehr als fünfhundert Stufen bis auf eine offene Plattform, unterwegs stehst du direkt neben den Glocken.

In Tournai steigst du in den ältesten Turm des Landes, und in Ypern kommst du über das Museum in der Tuchhalle hinauf: Der Blick geht dort über die flache Landschaft, um die vier Jahre lang gekämpft wurde. Kleinere Belfriede wie in Aalst, Dendermonde, Lier, Oudenaarde, Veurne oder Kortrijk siehst du meist nur von außen, dafür ohne Wartezeit und ohne Ticket.

So läuft ein Aufstieg ab

Die Zahl der Menschen im Turm ist begrenzt, deshalb wird am Eingang dosiert. Genau daher kommen die Schlangen: nicht weil oben viel los wäre, sondern weil unten gewartet wird, bis wieder Platz ist. Buch ein Zeitfenster, nimm den ersten Slot am Morgen oder einen der letzten am Nachmittag, dann sparst du dir das komplett.

Nimm wenig mit. Aufzüge sind die Ausnahme, Toiletten gibt es im Turm nicht, und abstellen kannst du unterwegs nichts. Kinderwagen bleiben unten. Die Treppen sind eng, die Stufen ausgetreten, und an Zwischenpodesten gehen Leute in beide Richtungen aneinander vorbei: rechts halten, dann klappt es. Bei Sturm bleiben die Türme geschlossen, und das entscheidet sich kurzfristig.

Tipp: Plane so, dass du kurz vor der vollen oder halben Stunde oben bist. Dann setzt das Glockenspiel ein, während du auf der Plattform stehst. Aus zwei Metern Abstand ist das ein völlig anderes Erlebnis als von unten auf dem Markt. Stell dich dabei nicht direkt unter die größte Glocke.

Das Glockenspiel: der eigentliche Grund

In den meisten dieser Türme hängt ein Carillon, auf Niederländisch Beiaard: ein Satz von oft mehr als vierzig gestimmten Glocken. Ein Teil davon spielt automatisch, gesteuert von einer großen Trommel mit Stiften, die alle Viertelstunde eine kurze Melodie auslöst. Den Rest spielt ein Mensch von Hand, auf einer Klaviatur aus Holzstäben, die er mit den Fäusten anschlägt und mit den Füßen tritt.

Diese Glockenspielkultur ist von der UNESCO als immaterielles Erbe anerkannt, und sie wird ernsthaft weitergegeben: In Mechelen gibt es seit den 1920er-Jahren eine eigene Beiaardschule, an der Musiker aus aller Welt lernen. Konzerte finden in vielen Städten mehrmals pro Woche statt, im Sommer häufiger, und sie kosten nichts, weil du ohnehin draußen sitzt.

Der beste Platz ist selten der Marktplatz. Such dir einen Innenhof oder eine ruhige Gasse in zwei- bis dreihundert Metern Entfernung, dann hörst du die Melodie ohne Terrassenlärm und ohne den harten Anschlag der großen Glocken. In Brügge funktioniert der Innenhof der Tuchhallen dafür ausgezeichnet.

Eine Route entlang der Türme

Wer die Idee einmal ganz verstehen will, braucht drei Stationen. In Flandern: Brügge und Gent an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, das sind die beiden bekanntesten Türme, dazu ein Vergleich zwischen 366 Stufen und Aufzug. In der Wallonie: Tournai für das Alter und Mons für den Barock, beide an einem Tag machbar, weil sie keine Stunde auseinanderliegen.

Als dritte Station lohnt eine Kleinstadt, in der niemand ansteht. Aalst, Dendermonde, Lier oder Oudenaarde haben Belfriede auf derselben Welterbeliste, dazu einen Marktplatz, auf dem du der einzige Auswärtige bist. Wer die Türme mit dem zweiten großen Erbe der flämischen Städte verbinden will, nimmt die Beginenhöfe dazu: hier der Turm auf dem Markt, dort das stille Viertel hinter der Mauer.

Praktisch: Tickets, Anreise und die beste Zeit

Fast alle Belfriede gehören zu den städtischen Museen, und die Tickets buchst du online mit Zeitfenster. Wenn du in einer Stadt mehrere Häuser besuchst, prüf die Museumskarte, die sich meist ab dem dritten Besuch rechnet. Die Türme selbst liegen ausnahmslos im Zentrum, meist zehn bis fünfzehn Gehminuten vom Bahnhof.

Achtung: Fahr nicht mit dem Auto in die Zentren. In Brüssel, Antwerpen und Gent gelten Umweltzonen, in die ein ausländisches Kennzeichen nur nach vorheriger Online-Registrierung einfahren darf, sonst folgt ein Bußgeld. Die Altstädte sind ohnehin größtenteils autofrei. Mit der Bahn bist du zwischen den Belfriedstädten fast immer schneller.

Die angenehmste Zeit für Turmbesteigungen ist das Frühjahr und der frühe Herbst. Im Hochsommer wird es in den Treppen sehr warm, im Winter pfeift der Wind durch die offenen Bögen oben, dafür ist die Luft klar und du bist meist allein. Nach Sturm oder bei starkem Wind gilt: erst prüfen, ob geöffnet ist, dann losgehen.

Häufige Fragen

Was ist ein Belfried?

Ein städtischer Glockenturm, der nicht zur Kirche gehört, sondern zur Bürgerschaft. Darin lagen die Urkunden über die Freiheiten der Stadt, oft hinter mehreren Schlössern, und darin hing die Glocke, die zur Versammlung rief, vor Feuer warnte und abends die Tore schloss. Unten schloss meist die Tuchhalle an, in der gehandelt wurde.

Wie viele Belfriede gehören zum UNESCO-Welterbe?

56 Türme in Belgien und Nordfrankreich, davon 33 in Belgien. 1999 wurden zunächst 32 belgische Belfriede eingetragen, 2005 kamen 23 französische und einer im wallonischen Gembloux dazu. Der gemeinsame Eintrag ergibt Sinn, weil die Städte beiderseits der heutigen Grenze zur selben Handels- und Freiheitsgeschichte gehören.

Welchen Belfried in Belgien kann man am besten besteigen?

Bequem ist Gent, dort fährt ein Aufzug den größten Teil der 91 Meter hinauf. Am eindrücklichsten ist Brügge mit 366 Stufen, Uhrwerk und Glockentrommel unterwegs, aber ohne Aufzug. In Mechelen führt der Skywalk über mehr als fünfhundert Stufen. Tournai hat den ältesten Turm, Ypern erreichst du über das Museum in der Tuchhalle.

Was ist der Unterschied zwischen Belfried und Kirchturm?

Der Eigentümer und die Aufgabe. Ein Kirchturm gehört der Gemeinde im geistlichen Sinn und ruft zum Gottesdienst, ein Belfried gehörte der Stadtverwaltung und schützte Archiv, Glocke und Uhr. Ein paar Kirchtürme stehen trotzdem auf der Liste, etwa der Antwerpener Kathedralturm: Sie erfüllten für die Stadt die Aufgabe eines Belfrieds.

Wo hört man in Belgien ein Glockenspiel?

In fast jeder Belfriedstadt. Ein Teil der Glocken spielt automatisch über eine Trommel mit Stiften, den Rest spielt ein Musiker von Hand auf einer Klaviatur aus Holzstäben. Konzerte gibt es meist mehrmals pro Woche, im Sommer häufiger, und sie kosten nichts. Setz dich in einen Innenhof statt auf eine Terrasse am Markt, dort ist der Klang klarer.

Lohnt sich ein Turmaufstieg mit Kindern?

Ab etwa acht Jahren ja, dann ist die Treppe ein Abenteuer und die Zwischenstopps bei Uhrwerk und Glocken sind spannender als die Aussicht. Jüngere Kinder musst du tragen, was auf engen Wendeltreppen unsicher ist, und Kinderwagen bleiben unten. Vor dem Glockenschlag zur vollen Stunde besser nicht direkt neben den Glocken stehen.